Indische Käufer im deutschen Automotive-Engineering: Test- und Software-Know-how wird zum Übernahmeziel
BlueBinaries bernimmt das Automotive-Testing-Geschft von MicroNova. Die Transaktion reiht sich in eine Serie indischer Zukufe bei deutschen Engineering- und Softwaredienstleistern ein. Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien drfte den Trend verstrken.
BlueBinaries, ein Engineering-Dienstleister für die Automobilindustrie mit Hauptsitz in Indien, hat eine verbindliche Vereinbarung zur Übernahme des Automotive-Testing-Geschäfts der MicroNova AG aus Vierkirchen unterzeichnet. Der Bereich mit Hardware-in-the-Loop-Systemen, der Testautomatisierungsplattform EXAM sowie Test Consulting und Services soll als NovaBinaries GmbH weitergeführt werden, rund 167 Beschäftigte in Deutschland und Tschechien wechseln mit. Beraten wurde der Käufer von Grant Thornton. Die Transaktion ist kein Einzelfall: Indische Konzerne kaufen seit Jahren gezielt deutsches Engineering-Know-how, und die Anlässe dafür werden eher mehr als weniger.
Ein wiederkehrendes Muster
Die Liste der Vorläufer ist lang. KPIT Technologies übernahm 2022 den Münchner Automotive-Softwarespezialisten Technica Engineering vollständig und begründete den Schritt mit dem Wandel zum softwaredefinierten Fahrzeug. Tata Technologies kündigte im September 2025 die vollständige Übernahme der ES-Tec Group aus Wolfsburg an, eines Engineering-Dienstleisters mit mehr als 300 Beschäftigten und Schwerpunkten bei Fahrerassistenzsystemen und vernetztem Fahren. Der Kaufpreis lag bei 75 Mio. Euro, gezahlt über zwei Jahre und teilweise erfolgsabhängig.
Auch in der klassischen Zulieferindustrie sind indische Käufer präsent. Die Samvardhana Motherson Gruppe übernahm 2023 den insolventen Innenraumspezialisten Dr. Schneider aus Kronach mit damals über 4.800 Arbeitsplätzen an sieben Standorten. Mahindra hält über Mahindra Forgings die Mehrheit an Schöneweiss in Hagen. Allen Fällen gemeinsam ist der Zugang zu Technologie, Kundenbeziehungen zu europäischen Herstellern und eingespielten Teams, die sich organisch nur langsam aufbauen ließen.
Mehr Kapital für Zukäufe im Ausland
Die Bereitschaft indischer Unternehmen, im Ausland zu kaufen, ist zuletzt deutlich gestiegen. Nach dem M&A-Report 2026 von EY India erreichten Outbound-Transaktionen indischer Käufer 2025 einen Wert von 13,7 Mrd. US-Dollar, nach 5,1 Mrd. US-Dollar im Jahr 2024. Größter Einzeldeal war die Übernahme des Nutzfahrzeugherstellers Iveco durch Tata Motors mit rund 4,45 Mrd. US-Dollar. Auch Technologiedienstleister wie Coforge, TCS und Wipro kauften im Ausland zu.
Deutschland ist dabei seit Langem ein bevorzugtes Ziel. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zählte zwischen 2010 und dem ersten Quartal 2017 rund 41 größere Übernahmen durch indische Unternehmen hierzulande. Die Automobilindustrie stand damals für 29 Prozent der Umsätze indischer Tochtergesellschaften in Deutschland. Als Motive nannte die Studie vor allem den Zugang zu Spitzentechnologie, die Stärkung der eigenen Marke und Deutschland als Tor zum europäischen Markt.
Rückenwind durch das Freihandelsabkommen
Politisch verbessern sich die Rahmenbedingungen. Die EU und Indien haben Ende Januar 2026 in Neu-Delhi den Abschluss ihres Freihandelsabkommens verkündet, nach fast zwei Jahrzehnten Verhandlungen. In Kraft treten soll es nach heutigem Stand frühestens Anfang 2027. Indien will die Zölle auf 96,6 Prozent der EU-Exporte senken, Einfuhrzölle auf höherpreisige Fahrzeuge aus der EU sollen über fünf Jahre von bis zu 110 Prozent auf rund 10 Prozent fallen. Investitionsschutz mit Schiedsverfahren ist nicht Teil des Abkommens, ein separates Investitionsabkommen gilt als nächster Schritt.
Für indische Engineering-Häuser, die europäische Hersteller beliefern, werden deutsche Standorte damit noch attraktiver: Sie bieten Nähe zu den Entwicklungszentren der Kunden, während Skalierung und Kostenvorteile in Indien liegen.
Carve-outs als Einstiegsweg
Die MicroNova-Transaktion zeigt zudem, wie solche Zukäufe häufig zustande kommen: als Abspaltung eines Geschäftsbereichs, den der Verkäufer nicht mehr als Kern sieht. MicroNova will sich nach eigenen Angaben stärker auf die verbleibenden Bereiche IT und Digitalisierung sowie Mobilfunk- und Kommunikationsnetze konzentrieren. Für den Käufer entsteht mit der NovaBinaries GmbH eine eigenständige Einheit, die Produkte, Plattform und Personal mitbringt.
Solche Carve-outs stellen besondere Anforderungen: Die Due Diligence muss klären, welche Verträge, Schutzrechte und Mitarbeitenden tatsächlich übergehen, und Übergangsleistungen zwischen Verkäufer und neuer Gesellschaft sind sauber zu regeln. Bei BlueBinaries umfasste die Beratung nach Angaben von Grant Thornton Financial, Tax und Legal Due Diligence sowie die Strukturierung, in Zusammenarbeit mit Teams in Tschechien.
Was das für Verkäufer und Berater bedeutet
Für deutsche Unternehmen, die Randbereiche abgeben oder eine Nachfolge suchen, erweitert sich der Kreis möglicher Käufer. Indische Strategen bringen oft eine klare industrielle Logik mit und sehen deutsche Teams als Entwicklungs-Hub, nicht als Kostenstelle. Gleichzeitig verlangen solche Prozesse Erfahrung mit grenzüberschreitender Strukturierung, Investitionsprüfung und Integration über Zeitzonen hinweg. Wer im Automotive-Engineering Software-, Test- oder Validierungskompetenz anbietet, sollte indische Interessenten künftig standardmäßig auf die Longlist setzen.