KI im Aufsichtsrat: Werkzeug, Wettbewerbsfaktor oder Wachablösung?
Zwei Drittel der Unternehmenslenker erleben ihre Unternehmen heute als stark durch Disruption beeinflusst, sehen darin aber zunehmend auch eine Chance zur Erneuerung.
Zwei Drittel der Unternehmenslenker erleben ihre Unternehmen heute als stark durch Disruption beeinflusst, sehen darin aber zunehmend auch eine Chance zur Erneuerung. Technologischer Wandel ist dabei der dominierende Treiber, wobei in den vergangenen Jahren Künstliche Intelligenz für viele Unternehmen einer der wichtigsten Hebel für Effizienz und Wachstum geworden ist. Warum Aufsichtsräte jetzt handeln müssen.
Für Aufsichtsräte bedeutet KI: Die Zeit des Experimentierens ist vorbei. KI-Kompetenz muss systematisch im Gremium verankert werden und Mandatsträger müssen sich kontinuierlich fortbilden, um ihrer Rolle gerecht zu werden. Die Studie „Aufsichtsrats-Radar 2025“ von AlixPartners verdeutlicht: Es reicht nicht aus, lediglich auf Veränderungen zu reagieren – es geht vielmehr darum, sich selbst und das Unternehmen aktiv vorzubereiten. Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema KI ist daher für Aufsichtsräte unerlässlich.
Weitere zentrale Erkenntnisse des „Aufsichtsrats-Radar 2025“ werden im Folgenden entlang von sechs Dimensionen zusammengefasst.
Bedeutung von KI für Unternehmen
KI gilt in den meisten Branchen als einer der größten Effizienz- und Wachstumstreiber. 81 Prozent der Unternehmenslenker äußern sich in AlixPartners-Studien optimistisch zu den Auswirkungen auf ihr Unternehmen, 61 Prozent erwarten konkrete Umsatzsteigerungen. Zwar dominiert aktuell die Sicht auf KI als evolutionären Effizienzhebel, doch in datenintensiven Branchen wie Finanzdienstleistungen oder Medien wird KI zunehmend als disruptiv erlebt – mit Chancen für neue Geschäftsmodelle ebenso wie mit Risiken durch Cyberangriffe, Regulierung oder Fehlinformationen. Deutlich wird dabei, dass die Zeit des Experimentierens mit Blick auf KI vorbei ist. Es geht inzwischen um harte Business Cases, messbare Effizienzgewinne und Umsatzimpulse. Das wirkt sich auch auf Aufsichtsräte aus: KI-Kompetenz muss systematisch im Gremium verankert werden.
Rolle des Aufsichtsrats in Unternehmen
In der Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung nehmen Aufsichtsräte stets mehrere Rollen ein – das gilt auch und insbesondere im Kontext von Künstlicher Intelligenz. Das „Aufsichtsrats-Radar 2025“ von AlixPartners zeigt deutlich: Aufsichtsräte sehen sich primär als Challenger, Impulsgeber und Sparringspartner, weniger jedoch in der Rolle des Kontrolleurs. Letztere sollte allerdings in Anbetracht der vielfältigen Risiken durch KI nicht vernachlässigt werden. Inhaltlich sehen Aufsichtsräte ihre Kompetenz und Rolle insbesondere in der Einordnung der strategischen und finanziellen Implikationen von KI für das Unternehmen sowie in der Identifikation, Bewertung und Hinterfragung von Use Cases und Anwendungsfeldern. Um dieser Rolle nachkommen zu können, ist eine kontinuierliche Aus- und Weiterbildung von entscheidender Bedeutung. Auch die Branchenexpertise ist weiterhin gleichwertig relevant, um potenzielle Use Cases angemessen bewerten zu können. Gleichzeitig müssen die Voraussetzungen im Unternehmen geschaffen werden: In der Praxis erschweren oft unzureichende Informationen durch den Vorstand („Man bekommt das, was seitens des Vorstands vorgelegt wird.“) und die Distanz zum operativen Geschäft eine wirksame Aufsicht. Vor allem im deutschen System stoßen viele Gremien hier an Grenzen. Ein Exkurs in den Bereich Private Equity (PE) zeigt, dass das Thema KI dort proaktiv angegangen und als Querschnittsthema für alle Portfoliounternehmen betrachtet wird. In vielen Fällen sitzt mindestens ein PE-Mitglied, das KI vorantreibt, im Aufsichts- bzw. Beirat. Die entsprechenden Mitglieder des Boards sind durch ihr Netzwerk gut mit potenziellen KI-Anwendungsfällen vertraut, wodurch sie ihre Rolle als Sparringspartner auch in diesem Bereich effektiv ausfüllen können.
Verankerung von KI in der Geschäftsführung
Über Unternehmensgrenzen hinweg sind keine einheitlichen Strukturen zu beobachten: Die Verantwortung für KI liegt – häufig historisch gewachsen – bei Komitees, einzelnen Vorständen oder Taskforces. Klare Mandate sind die Ausnahme. Für den erfolgreichen Einsatz von KI müssen sich Unternehmen professionalisieren und Governance-Strukturen schaffen, die offensive und defensive Ziele ausbalancieren – einerseits die beschleunigte Integration von KI für Wettbewerbsvorteile, andererseits Compliance und Risikomanagement. Aufsichtsräte müssen dabei sicherstellen, dass eine wirksame KI-Governance sowie ein angemessenes Risikomanagement etabliert werden.
Rechtliche Anforderungenund ethische Standards
Die Befragten äußern sich unterschiedlich zu KI-spezifischer Regulierung wie dem EU-AI-Act. Während einige den hohen Stellenwert von Datenschutz, Fairness und Transparenz betonen, warnen andere vor einer innovationsfeindlichen Überregulierung in Europa und mahnen eine Balance an. Eine Befragte betont: „Die Unmenge an regulatorischen Vorgaben ist wirklich furchtbar und treibt Unternehmen weg aus Europa.“ Ein anderer meint: „Ein Mittelweg zwischen USA und Europa wäre gut. Was in den USA fehlt, haben wir in Europa zu viel. Ich finde es gut, dass man vordenkt und sich überlegt, was wir verhindern und wo einbremsen müssen.“ Ein dritter Befragter erklärt: „Ich bin entsetzt über Europa. Durch die europäische Überregulierung gehen Potenziale und Wettbewerbsfähigkeit verloren, denn die Welt wartet nicht auf uns.“
Nutzung von KI durch den Aufsichtsrat
In der Gremienarbeit nutzen nur 55 Prozent der befragten Aufsichtsräte KI. Klar ist jedoch: Richtig eingesetzt unterstützt KI das Gremium dabei, Kontroll- und Beratungsaufgaben schneller, fundierter und datenbasiert zu erfüllen. Zu beachten ist allerdings, dass Überwachungs- und Beratungspflichten persönlich und eigenverantwortlich wahrzunehmen sind. Eine Delegation an KI-Systeme ist rechtlich ausgeschlossen; eine Haftungsfreistellung durch Technologie ist daher nicht möglich. Deshalb dürfte mit wachsender technischer Reife und der Etablierung rechtlicher Rahmenbedingungen KI die Arbeit von Aufsichtsräten zwar zunehmend unterstützen, jedoch nicht ersetzen.
Auswirkungen auf Aufsichtsräte im Mittelstand
Künstliche Intelligenz wirkt sich auf Mittelstandsunternehmen anders aus als auf Großunternehmen. Während Großunternehmen meist über spezialisierte KI-Teams und große Budgets verfügen, setzen Mittelständler KI pragmatisch und mit begrenzten Ressourcen ein. Ihre Stärken liegen in Flexibilität und schnellen Entscheidungswegen, wodurch sie KI gezielt zur Effizienzsteigerung und Prozessoptimierung nutzen können. Dennoch bleibt die Digitalisierungsschere bestehen: Der Anteil der KI-Nutzer im Mittelstand ist deutlich geringer als bei Großunternehmen. Gründe sind fehlende Fachkräfte, begrenzte Budgets und Herausforderungen bei der Datenqualität. Mittelständler profitieren besonders von modularen, praxisnahen KI-Lösungen, sollten aber gezielt in Kompetenzen und Infrastruktur investieren, um das volle Potenzial auszuschöpfen und ihre Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu stärken. Eine Herausforderung bleibt die Besetzung von Aufsichtsratspositionen mit entsprechend qualifiziertem Personal. Oftmals herrscht bei mittelständischen Unternehmen (sofern es sich nicht um eine Private-Equity-Portfoliogesellschaft handelt) ein Missverhältnis zwischen der Vergütung und steigenden Haftungsrisiken, Compliance- und Kompetenzanforderungen. KI-Erfahrung als zusätzliches Kriterium engt den Kreis an geeigneten Kandidaten weiter ein.
Auf Grundlage dieser Erkenntnisse ergeben sich folgende Handlungsempfehlungen für die Integration von Künstlicher Intelligenz in die Aufsichtsratsarbeit:
KI-Kompetenz im Aufsichtsrat fördern: Ein starker, diverser Aufsichtsrat sollte Digital- und KI-Kompetenzen umfassen und ein insgesamt breites Erfahrungsspektrum abbilden.
Bewusstsein und Weiterbildung schaffen: Alle Mitglieder eines Aufsichtsrats sollten mit den Grund-lagen der KI vertraut sein, um die Auswirkungen der Technologie fundiert einschätzen zu können.
Rechtliche Rahmenbedingungen verstehen: Bestehende rechtliche Unsicherheiten bei der Nutzung von KI müssen erkannt werden, um eine zielgerichtete Auseinandersetzung zu gewährleisten.
Erforderliche IT-Infrastruktur etablieren: Daten-Silos sollten aufgebrochen werden. Gegebenen-falls sind Investitionen in eine geeignete Infrastruktur erforderlich.
Fokus auf wertschaffende Bereiche: Relevante Anwendungen mit hohem praktischem Nutzen sollten priorisiert und vorangetrieben werden.
Koordinierten KI-Ansatz etablieren: Neben technologischer Ausstattung sind auch eine angemessene Governance-Struktur und ein KI-Risikomanagement-Ansatz zu etablieren.
Verzahnung von KI-Strategie und Geschäftsstrategie sicherstellen: Um langfristig die Wertschöpfung im Unternehmen zu gewährleisten, ist eine enge Verknüpfung notwendig.