Medizin zwischen Markt und Menschlichkeit
Im Gesundheitswesen vollzieht sich seit Jahren ein tiefgreifender Strukturwandel – getrieben durch politische Reformen, den zunehmenden Konsolidierungsdruck in Klinik und Praxis sowie den wachsenden Einfluss von Kapitalinvestoren.
Im Gesundheitswesen vollzieht sich seit Jahren ein tiefgreifender Strukturwandel – getrieben durch politische Reformen, den zunehmenden Konsolidierungsdruck in Klinik und Praxis sowie den wachsenden Einfluss von Kapitalinvestoren. Erschwerend kommt die Unsicherheit über zukünftige gesundheitspolitische Rahmenbedingungen hinzu – etwa im Zuge der Krankenhausreform, der Ambulantisierung oder der Neuausrichtung der Vergütungsmodelle.
Aus ärztlicher Sicht sind Investitionen und Reformen grundsätzlich zu begrüßen. Eine solide betriebswirtschaftliche und politische Basis ist Voraussetzung dafür, dass Kliniken, Praxen und Medizinische Versorgungszentren (MVZ) modern ausgestattet bleiben, ausreichend Personal vorhanden ist und damit langfristige Handlungsfähigkeit und Versorgungssicherheit gewährleistet werden. Doch gleichzeitig gilt: Wirtschaftlichkeit darf nicht alleiniger Maßstab sein – medizinische Versorgung ist kein gewöhnliches Gut im Markt.
Bereits im ambulanten Bereich zeigt sich, dass mit der Gründung von MVZ und dem zunehmenden Engagement von Kapitalgebern eine Marktlogik Einzug hält. Nach aktuellen Erhebungen wiesen bis 2021 rund 21% der etwa 4.179 MVZ in Deutschland Beteiligungen durch Private-Equity-Fonds auf – ein Indikator dafür, dass auch im ambulanten Sektor wirtschaftliche Interessen deutlich an Einfluss gewinnen. Ärztinnen und Ärzte dürfen jedoch nicht wie klassische Wirtschaftsunternehmer agieren; die Berufsordnung verpflichtet sie, am Wohl der Patientinnen und Patienten orientiert zu handeln. Ein Spannungsverhältnis entsteht: Die Leistungserbringer tragen das operative Risiko – Organisation, Personal, medizinische Verantwortung –, während die finanzielle Steuerung und der ökonomische Nutzen häufig bei Trägern, Investoren oder Kostenträgern verbleiben.
Wenn Klinik- oder Praxisverbünde unter Konzernregie agieren, steigt durch den betriebswirtschaftlichen Organisationsgrad auch der Druck auf Mitarbeitende – mit spürbaren Folgen für die Patientenversorgung: mehr Leistung bei weniger Zeit und Personal, reduzierte Verweildauern, geringere Kontinuität und zunehmende Standardisierung. All dies beeinträchtigt Versorgungsqualität und Menschlichkeit. Wirtschaftliches Denken ist in einem solidarisch finanzierten System unabdingbar. Doch wenn ökonomische Kennzahlen über gesundheitliche Bedürfnisse und Versorgungsqualität gestellt werden, droht die Medizin ihren humanistischen Kern zu verlieren. Patientinnen und Patienten werden zum Operationsobjekt, Mitarbeitende zur planbaren Ressource – die Märkte für qualifiziertes Personal trocknen jedoch zunehmend aus. Die abnehmende Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen führt zu einer wachsenden Abwanderung aus der direkten Patientenversorgung.
Aus ärztlicher Perspektive sollten Betriebswirtschaft und medizinische Verantwortung gleichrangig und auf Augenhöhe berücksichtigt werden. Maßgeblich ist, dass bei Entscheidungen zu Konsolidierungen, M&A-Transaktionen oder investorenbeteiligten Modellen nicht allein Skaleneffekte oder Kostensenkungen im Mittelpunkt stehen, sondern die Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen, empathischen und nachhaltigen Versorgung – sowie gute Arbeitsbedingungen für alle, die sie ermöglichen. Gerade eine ganzheitliche Betrachtung der strukturellen Bedingungen und Pflichten kann helfen, eine stabile, nachhaltige und faire Versorgungslandschaft zu schaffen.
Dies kommt allen zugute, denn irgendwann sind wir alle einmal Patientin oder Patient.