Chinas M&A-Renaissance: Chinesische Investoren im deutschen/europäischen M&A-Markt – Rückblick auf 2025 und Ausblick auf 2026
Zu Beginn des Jahres 2026 bietet sich die Gelegenheit, einen Blick zurück auf die Entwicklung grenzüberschreitender Unternehmenstransaktionen mit chinesischer Beteiligung zu werfen und zugleich einen vorsichtigen Ausblick auf das vor uns liegende Jahr zu wagen.
1. Einleitung
Zu Beginn des Jahres 2026 bietet sich die Gelegenheit, einen Blick zurück auf die Entwicklung grenzüberschreitender Unternehmenstransaktionen mit chinesischer Beteiligung zu werfen und zugleich einen vorsichtigen Ausblick auf das vor uns liegende Jahr zu wagen. Der nachfolgende Beitrag fußt maßgeblich auf eigenen Erfahrungen aus der rechtlichen Begleitung von M&A-Transaktionen sowie auf einem kontinuierlichen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus den Bereichen Recht, Steuern und Transaktionsberatung. Er erhebt ausdrücklich keinen Anspruch auf eine empirische oder statistische Untersuchung, sondern versteht sich als praxisnaher Erfahrungsbericht aus der rechtlichen Begleitung von M&A-Transaktionen mit Investoren aus China.
2. Rückkehr des Interesses und Übergang von der Sondierung zur Umsetzung
Nach dem weitgehenden Abklingen der COVID19-Pandemie im Jahr 2023 war bereits eine erneute Belebung des Interesses chinesischer Investoren an Unternehmensbeteiligungen und -übernahmen in Europa und insbesondere in Deutschland zu beobachten. Dieses Interesse hat sich im Jahr 2024 weiter verstärkt und 2025 nicht nur fortgesetzt, sondern in vielerlei Hinsicht auch verfestigt.
Dabei wäre es unzutreffend, von einem zwischenzeitlichen Erlöschen des Interesses zu sprechen. Angesichts der ausgeprägten unternehmerischen Kultur in China war ein vollständiger Rückzug aus internationalen M&A-Aktivitäten ohnehin nicht zu erwarten.
Vielmehr waren die Jahre nach Beginn der Pandemie geprägt von einer Vielzahl neuer Parameter, die sowohl national als auch international berücksichtigt werden mussten. Hierzu zählten unter anderem regulatorische Anpassungen, eine veränderte geopolitische Lage, Lieferkettenfragen sowie eine Neubewertung von Investitions- und Expansionsstrategien. Für viele Unternehmen stellte sich zunächst die grundlegende Frage der Fokussierung: Sollte das Wachstum beziehungsweise eine Konsolidierung vorrangig im Heimatmarkt erfolgen oder sollte die internationale Expansion – und damit auch Europa – wieder stärker in den Blick genommen werden?
Vor diesem Hintergrund ist das Jahr 2025 weniger als Neubeginn, sondern vielmehr als Phase der Normalisierung des wiederaufkommenden Investitionsinteresses zu verstehen. Während in den Jahren 2023 und teilweise auch 2024 zahlreiche Gespräche und Sondierungen geführt wurden, ohne zwingend in konkrete Transaktionen zu münden, war 2025 deutlich häufiger zu beobachten, dass sich Interesse in strukturierte Prozesse und tatsächliche Umsetzung übersetzte. Dies äußerte sich in einer steigenden Zahl von Mandaten, bei denen chinesische Investoren nicht nur unverbindliche Marktsondierungen betrieben, sondern klare Investitionsentscheidungen vorbereiteten.
Dabei ist es selbstverständlich, dass nicht jedes Projekt zum Abschluss kommt. Abbrüche in fortgeschrittenen Phasen sind integraler Bestandteil des M&A-Geschäfts und stellen keine Besonderheit bei Transaktionen mit chinesischer Beteiligung dar. Auffällig war jedoch, dass Entscheidungsprozesse vielfach stringenter und professioneller geführt wurden als noch in früheren Investitionsphasen.
3. Veränderte Transaktionsmuster und strategische Überlegungen chinesischer Investoren
Parallel zur erhöhten Umsetzungswahrscheinlichkeit ist eine qualitative Veränderung der Transaktionsansätze chinesischer Investoren festzustellen. Einerseits ist bei vielen Beteiligungsunternehmen weiterhin erhebliche Liquidität für Investitionen vorhanden. Dies führt zu einem intensiven Wettbewerb um attraktive Zielunternehmen, insbesondere in technologiegetriebenen oder strategisch relevanten Sektoren. Chinesische Investoren treten hier zunehmend als Konkurrenten auf Augenhöhe zu Finanzinvestoren und strategischen Käufern aus Europa oder Nordamerika auf.
Andererseits hat sich der Reifegrad chinesischer Unternehmen in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Potenzielle Zielgesellschaften werden heute sehr viel genauer analysiert als noch vor einigen Jahren. Risiken, Integrationsaufwand, regulatorische Hürden und der tatsächliche Mehrwert einer Akquisition werden sorgfältig gegeneinander abgewogen. Dies gilt insbesondere für die Phase nach dem Erwerb, in der organisatorische, kulturelle und operative Herausforderungen zunehmend realistischer eingeschätzt werden.
Vor dem Hintergrund der geopolitischen Situation erscheint eine Intensivierung des wirtschaftlichen Austauschs mit Europa für viele chinesische Unternehmen mehr denn je sinnvoll. Europa wird als stabiler Markt mit hoher technologischer Kompetenz, verlässlichen Rechtsrahmenbedingungen und langfristigem Innovationspotenzial wahrgenommen. Deutschland vereint diese Attribute. Die Finanzierung entsprechender Investitionen erfolgt regelmäßig unter Einbindung verschiedener chinesischer Institutionen, was auch die Umsetzung größerer Vorhaben ermöglicht.
Bemerkenswert ist zudem der im Jahr 2025 verstärkt beobachtete Trend zu Greenfield-Investments. Diese Entwicklung dürfte unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass der Aufwand für die Integration bestehender Unternehmen – einschließlich Belegschaft, IT-Systemen und Unternehmenskultur – kritischer bewertet wird als früher. Gleichzeitig können chinesische Investoren zunehmend auf Erfahrungen aus Investments in anderen internationalen Märkten zurückgreifen. Diese Erfahrungswerte erleichtern es, neue Einheiten „from scratch“ aufzubauen und operative Strukturen eigenständig zu entwickeln. Die verstärkte Nutzung nationaler Prüfregularien bei Auslandsinvestitionen, die zu längeren Entscheidungsprozessen und zumindest zum Teil zu restriktiveren Entscheidungen bei Übernahmen führten, was dazu führt(e), dass Greenfield-Investitionen als ein relativ unkomplizierter und zeitlich vorausplanbarerer Weg für den Markteintritt gesehen werden.
Daneben ist eine wachsende Bereitschaft zur Übernahme kleinerer und mittlerer Unternehmen zu beobachten. Solche Transaktionen bieten häufig den Vorteil weniger Problemfelder und ermöglichen eine schrittweise Weiterentwicklung des Geschäftsmodells. Hinzu kommen oftmals eine geringere Komplexität investitionskontrollrechtlicher Prüfungen (FDI) sowie Vorteile im Hinblick auf das Erfordernis fusionskontrollrechtlicher Anmeldeverfahren. In der Praxis zeigt sich, dass diese Faktoren zu einer höheren Planungssicherheit und schnelleren Umsetzung beitragen.
Schließlich ist festzuhalten, dass chinesische Investoren zunehmend auch komplexere Transaktionsformen in Betracht ziehen. Neben klassischen Share- und Asset-Deals gewinnen strukturierte Beteiligungen, Joint Ventures und vereinzelt auch Wertpapierübernahmen an Bedeutung. Diese Entwicklung unterstreicht den gestiegenen Professionalisierungsgrad auf Investorenseite und führt zugleich zu erhöhten Anforderungen an die rechtliche, steuerliche und regulatorische Transaktionsbegleitung. Der Trend zur Nutzung komplexerer Transaktionsstrukturen geht einher mit gestiegenen Anforderungen an die an der Transaktion Beteiligten. Denn ohne die notwendige Erfahrung und ohne ausgeprägte Koordinationsfähigkeiten droht das Scheitern der Transaktion.
4. Ausblick auf 2026: Kontinuität, Differenzierung und steigende Anforderungen
Für das Jahr 2026 spricht vieles für eine Fortsetzung der im Jahr 2025 beobachteten Entwicklung. Zwar bleiben geopolitische Spannungen, regulatorische Unsicherheiten und ein herausforderndes wirtschaftliches Umfeld – auch in China selbst – bestehen. Gleichwohl ist davon auszugehen, dass chinesische Investoren ihre europäischen Aktivitäten weiter differenzieren und strategisch ausrichten werden.
Es ist zu erwarten, dass sich das Investitionsinteresse auf einem stabilen, aber qualitativ anspruchsvolleren Niveau fortsetzt. Greenfield-Investments dürften weiterhin an Bedeutung gewinnen, ebenso wie selektive Übernahmen kleiner und mittelgroßer Unternehmen. Gleichzeitig wird die sorgfältige Vorbereitung von Transaktionen – insbesondere im Hinblick auf Investitionskontrolle, Compliance, Finanzierung und Post-Merger-Integration – weiter an Bedeutung gewinnen.
Für Verkäufer, Berater und Zielunternehmen bedeutet dies, dass chinesische Investoren auch 2026 als professionelle und langfristig orientierte Marktteilnehmer zu betrachten sind. Erfolgreiche Transaktionen werden zunehmend dort stattfinden, wo wirtschaftliche Logik, strategische Passfähigkeit und regulatorische Umsetzbarkeit überzeugend miteinander verknüpft werden.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Jahr 2025 eine Phase der Konsolidierung und Normalisierung markiert hat. Chinesische Investoren sind im europäischen M&A-Markt wieder sichtbarer präsent – nicht impulsiv, sondern reflektiert, selektiv und strategisch. Diese Entwicklung dürfte den grenzüberschreitenden Transaktionsmarkt auch im Jahr 2026 beeinflussen.