06.11.2025 | Fazzone Renato

KI als Deal-Driver: Wie Künstliche Intelligenz M&A verändert

Künstliche Intelligenz verändert M&A doppelt: Sie beschleunigt juristische Prozesse in Due Diligence, Vertragsanalyse und Compliance – und wird zugleich von Investoren als zentraler Werttreiber bei der Exit-Bewertung gesehen. Zwei aktuelle FTI-Studien zeigen, warum KI zum eigenständigen Deal-Kriterium wird.

Special Topic

1. Einleitung

Kaum ein Thema prägt die Unternehmenslandschaft derzeit so stark wie Künstliche Intelligenz. Doch während viele Diskussionen um KI noch auf allgemeiner Ebene geführt werden – Chancen für Produktivität, Risiken durch Regulierung, gesellschaftliche Folgen –, zeigt sich in M&A-Transaktionen bereits ganz konkret, wie tiefgreifend die Technologie die Spielregeln verändert.

Das Besondere: KI wirkt in zwei Richtungen zugleich. Auf der einen Seite nutzen Rechtsabteilungen generative Systeme, um ihre Arbeit in Due Diligence, Vertragsanalyse und Compliance effizienter und schneller zu gestalten. Auf der anderen Seite verändert sich die Sichtweise von Investoren. Der technologische Reifegrad eines Unternehmens, insbesondere die Fähigkeit, KI einzusetzen, wird zu einem eigenständigen Kriterium, das maßgeblich über Kaufpreise, Deal-Speed und Exitfähigkeit entscheidet.

Zwei aktuelle Studien von FTI Consulting belegen diese Entwicklung. Der gemeinsam mit dem globalen Spezialisten für Legal Technology Relativity erarbeitete General Counsel Report 20251 basiert auf einer weltweiten Befragung von mehr als 200 General Counsels und zeigt, wie Juristen KI bereits einsetzen, wo sie Effizienzgewinne erzielen und an welchen Grenzen sie scheitern. Der 2025 Private Equity Value Creation Index2, gestützt auf die Aussagen von 539 Private-Equity-Managern, dokumentiert einen Paradigmenwechsel: Erstmals werden KI und Automatisierung als wichtigster Werttreiber im Exit genannt, noch vor klassischen Kriterien wie EBITDA oder Marktposition.

Diese beiden Perspektiven – juristisch und strategisch – ergeben zusammengenommen ein klares Bild: KI wird zum Deal-Driver. Sie verändert juristische Prozesse, schafft neue Haftungs- und Governance-Fragen, definiert Bewertungsmaßstäbe neu und zwingt Unternehmen wie Investoren, ihre Strategien anzupassen. Vier Kernthesen verdeutlichen, wie stark dieser Wandel ist und welche Folgen er für M&A-Teams hat.

2. KI verändert juristische Transaktionsarbeit grundlegend

Rechtsabteilungen stehen im Zentrum jeder größeren Transaktion. Ob beim Screening potenzieller Targets, in der Due Diligence oder bei der Vertragsgestaltung: Juristen müssen große Datenmengen prüfen, Risiken identifizieren und für rechtliche Klarheit sorgen. Bislang war dies vor allem mit erheblichem Ressourceneinsatz verbunden.

Genau hier setzt KI an und entfaltet ihre größte Hebelwirkung. Der General Counsel Report 2025 zeigt, dass inzwischen 44% der befragten General Counsels aktiv generative KI nutzen – ein deutlicher Anstieg gegenüber 28% im Vorjahr und 20% im Jahr 2023. Besonders stark ist der Einsatz in der Dokumentenprüfung, wo 85% der Befragten berichten, sich mit der Nutzung von KI wohl zu fühlen, sowie in Bereichen wie E-Discovery (80%) und Legal Operations (79%).

Ein weiteres Einsatzfeld ist die Vertragsprüfung. Standardverträge lassen sich automatisiert mit Musterdokumenten abgleichen, Risiken werden hervorgehoben, „Red Flags“ klar herausgestellt. Juristen überprüfen die Arbeit der KI und können ihre Aufmerksamkeit auf die wirklich kritischen Passagen lenken, statt Zeit in Routinearbeit zu investieren.

Auch im Compliance-Bereich eröffnet KI neue Möglichkeiten. Bei grenzüberschreitenden Transaktionen helfen Systeme, regulatorische Anforderungen aus verschiedenen Jurisdiktionen zu erfassen und deren Einhaltung systematisch zu überwachen. Gerade in Branchen mit hoher Regulierung wie Pharma, Finanzdienstleistungen oder Rüstung kann dies entscheidend für die Deal-Fähigkeit eines Targets sein.

Doch bei aller Euphorie zeigt sich auch eine klare Grenze. Sobald es um haftungsrelevante juristische Einschätzungen geht, bleibt der Einsatz von KI bisher zurückhaltend. Kein General Counsel wird eine finale rechtliche Bewertung allein einem Modell überlassen, dessen Entscheidungswege nicht transparent sind – darin sind sich Experten einig: Diese Verantwortung bleibt beim Menschen. KI ist Werkzeug, nicht Richter. Diese Grenze führt unmittelbar zur zweiten These.

3. Haftungsrisiken, Governance und Technologietransparenz sind ungelöst

So beeindruckend die Effizienzgewinne sind, sie werfen neue Fragen auf, die das juristische Fundament von Transaktionen berühren. Wer trägt die Verantwortung, wenn ein KI-System eine kritische Klausel übersieht? Wie lässt sich Vertrauen aufbauen, wenn Ergebnisse aus einer Black Box stammen und nicht nachvollziehbar begründet werden können? Und wie verhindert man, dass Halluzinationen von Large Language Models (LLMs) zu falschen Einschätzungen führen, die später teuer werden?

Der General Counsel Report 2025 zeigt: Für viele Rechtsabteilungen ist nicht die Technik das Problem, sondern ihre Einbettung in einen rechtssicheren Rahmen. Ohne klare Governance-Strukturen bleibt der Einsatz von KI riskant. Notwendig sind definierte Prüfpfade, Dokumentationspflichten und Mechanismen wie „Human-in-the-Loop“, die sicherstellen, dass jede kritische Entscheidung von einem Juristen überprüft wird.

Die Haftungsfrage ist dabei zentral. Wenn ein Fehler entsteht: Haftet das Unternehmen, die Rechtsabteilung, der externe Berater oder der Anbieter des KI-Tools? Solange dies unklar bleibt, werden viele General Counsels den Einsatz auf unterstützende Funktionen beschränken.

Hinzu kommt die regulatorische Dimension. Mit dem AI Act der Europäischen Union entsteht erstmals ein umfassender Rechtsrahmen für KI-Systeme. Unternehmen müssen ihre Systeme künftig nach Risikostufen klassifizieren, Entscheidungsprozesse dokumentieren und Transparenz sicherstellen. Verstöße können empfindliche Bußgelder nach sich ziehen. Für M&A bedeutet das: Der regulatorische Status von KI-Systemen wird zu einem festen Bestandteil jeder Due Diligence. Käufer müssen prüfen, ob Targets die Anforderungen erfüllen. Verkäufer müssen Transparenz schaffen, um Bewertungsabschläge zu vermeiden.

Ein praktisches Beispiel: Ein Unternehmen setzt KI in der Compliance-Prüfung ein, dokumentiert aber nicht, wie Entscheidungen zustande kommen. Für den Käufer stellt das ein erhebliches Risiko dar. Rechtlich genauso wie in der Reputation. Die Folge: Der Kaufpreis wird gedrückt, zusätzliche Garantien werden eingefordert oder der Deal scheitert.

Die Botschaft ist klar: Governance und Transparenz sind die Voraussetzung, um KI in Transaktionen nutzen zu können. Ohne sie wird aus einem Effizienztreiber schnell ein Risikofaktor.

4. Private Equity zieht nach – aber fordert technologische Reife

Während Rechtsabteilungen vor allem auf Effizienz und Risikokontrolle achten, richtet sich der Blick der Investoren stärker auf die strategische Dimension. Der 2025 Private Equity Value Creation Index zeigt einen bemerkenswerten Paradigmenwechsel: Für 58% der Fondsmanager, die von FTI Consulting befragt wurden, ist der technologische Reifegrad – insbesondere im Bereich KI und Automatisierung – heute der wichtigste Treiber für Wertsteigerung im Exit. Damit überholt KI erstmals klassische Bewertungskriterien wie EBITDA, Marktposition oder Wachstumsstory.

Auch insgesamt dominiert Technologie die Wertsteigerungsagenda. 84% der befragten Fonds sehen IT und Digitalisierung als stärksten Wachstumshebel, 68% nennen KI ausdrücklich als Werttreiber, und knapp ein Viertel (23%) setzt KI bereits sehr häufig zur Steigerung des Unternehmenswerts ein. Damit wird deutlich: KI ist kein Experiment mehr, sondern entwickelt sich zu einem festen Bestandteil der operativen Exzellenz.

Gleichzeitig bleiben klassische Hebel relevant: 80% der Fonds setzen weiterhin auf Working-Capital-Optimierung, 79% auf eine schlanke Kostenstruktur. Doch die Priorisierung zeigt klar: Ohne digitale Befähigung lassen sich diese Maßnahmen künftig kaum noch effizient realisieren.

Besonders deutlich ist der Unterschied zwischen Nordamerika und Europa. In den USA bewerten 76% der Befragten den KI-Reifegrad ihrer Portfoliounternehmen als überdurchschnittlich – in Europa sind es nur 60%. Damit öffnet sich eine Lücke, die sich direkt in den Bewertungen niederschlägt. Gerade im MidCap-Segment, wo digitale Strategien oft nur fragmentarisch umgesetzt sind, entsteht ein wachsender Gap zwischen Buy Side und Sell Side.

Auch für Buy-and-Build-Strategien hat dies Konsequenzen. Plattformunternehmen mit klarer KI-Kompetenz gelten als besonders attraktiv, weil sich ihre Systeme und Datenarchitekturen leichter in Zukäufe integrieren lassen. Targets ohne diese Fähigkeiten sind weniger interessant – oder nur zu deutlich niedrigeren Preisen.

Ein Beispiel verdeutlicht die Dynamik: Zwei Unternehmen mit ähnlicher EBITDA-Entwicklung und Marktposition werden parallel geprüft. Das eine hat eine klare KI-Strategie, proprietäre Daten und ein Team von Spezialisten aufgebaut. Das andere arbeitet noch mit fragmentierten Pilotprojekten. Das Ergebnis: eine deutliche Bewertungsdifferenz zugunsten des KI-reifen Unternehmens, obwohl die finanziellen Kennzahlen vergleichbar sind.

Damit ist klar: Technologische Reife ist kein „Nice to have“ mehr, sondern ein zentraler Faktor für die Bewertung und den Erfolg von Transaktionen.

5. Legal Readiness wird zum Wettbewerbsvorteil

Die juristische und die strategische Perspektive führen zu einer gemeinsamen Erkenntnis: Legal Readiness wird zum Wettbewerbsvorteil. Unternehmen, die ihre Prozesse rechtssicher, effizient und transparent gestalten, verschaffen sich nicht nur interne Effizienzgewinne, sondern auch externes Vertrauen. Sie signalisieren Investoren, dass Risiken beherrscht werden, dass Compliance gewährleistet ist und dass regulatorische Anforderungen erfüllt werden. Dieses Vertrauen übersetzt sich unmittelbar in höhere Kaufpreise, schnellere Transaktionen und bessere Verhandlungspositionen.

Ein fiktives Praxisbeispiel verdeutlicht die Tragweite: Ein europäischer Investor prüft den Kauf eines Softwarehauses mit KI-basiertem HR-Produkt. In der technischen Due Diligence zeigt sich, dass das Modell auf Open-Source-Komponenten ohne klare Lizenzstruktur basiert und Trainingsdaten aus nicht dokumentierten Quellen nutzt. Das Szenario illustriert, was in der Realität regelmäßig passiert: Solche Unklarheiten führen zu Bewertungsabschlägen und zu harten Nachverhandlungen. Entscheidend ist nicht das Geschäftsmodell selbst, sondern die fehlende Legal Readiness in Bezug auf KI.

Legal Readiness bedeutet mehr als nur rechtliche Absicherung. Sie umfasst die Vorbereitung von Datenräumen, die digitale Absicherung von Compliance und die Integration von spezifischen KI-Tools und -Anwendungsfeldern in Post-Merger-Prozesse. Sie verlangt neue Rollen wie den Legal Technologist oder den AI Compliance Officer, die technisches Verständnis mit juristischer Expertise verbinden. Und sie setzt interdisziplinäre Zusammenarbeit voraus – zwischen Juristen, IT-Spezialisten, Strategen und Produktentwicklern.

Wer diese Kompetenz aufbaut, verschafft sich klare Vorteile. Er ist nicht nur schneller und sicherer in Transaktionen, sondern auch attraktiver für Investoren, die zunehmend auf technologische Reife achten.

6. Fazit: KI verändert die Spielregeln im M&A

KI verändert M&A-Transaktionen auf mehreren Ebenen.

Sie macht juristische Prozesse effizienter, wirft aber neue Fragen der Haftung und Governance auf. Sie verschiebt die Bewertungslogik von Investoren zugunsten technologischer Reife. Und sie zwingt Unternehmen, Legal Readiness als Wettbewerbsvorteil zu begreifen.

Für Käufer wie Verkäufer ergeben sich daraus drei zentrale Handlungsfelder: Erstens muss die KI-Reife frühzeitig bewertet werden, bereits im Screening. Zweitens braucht es klare Governance-Modelle, die den Einsatz von KI in Transaktionen rechtssicher und nachvollziehbar machen. Drittens muss der regulatorische Rahmen systematisch integriert werden, mit dem AI Act als festem Bestandteil jeder Due Diligence. Wer diese Agenda annimmt, kann Transaktionen nicht nur absichern, sondern aktiv wertsteigernd gestalten.

Über die Studien

Der General Counsel Report 2025 von FTI Consulting und Relativity basiert auf einer weltweiten Befragung von 207 Chief Legal Officers und General Counsels sowie 34 vertiefenden Interviews. Untersucht wurden unter anderem der Einsatz generativer KI, Technologie-Roadmaps in Rechtsabteilungen und der Umgang mit regulatorischem Druck.

Der 2025 Private Equity Value Creation Index beruht auf den Aussagen von mehr als 500 Private-Equity-Entscheidern aus Nord- und Südamerika, Europa, dem Nahen Osten und Asien-Pazifik. Im Fokus stand die Frage, welche Hebel zur Wertsteigerung in Portfoliounternehmen eingesetzt werden – erstmals mit KI und Automatisierung als Top-Faktor.

Die in diesem Artikel genutzten Zahlen entstammen aus den veröffentlichten Reports sowie vereinzelt aus Rohdaten.


1 https://ftitechnology.com/l/gc-report-2025

2 https://www.fticonsulting.com/insights/reports/private-equity-report

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