07.10.2026 | Roger P. Wirth

Klimarisiken im M&A-Prozess: Warum eine Climate Due Diligence empfehlenswert ist

Rekordtemperaturen, anhaltende Dürren und ausgetrocknete Flussläufe machen die physischen Auswirkungen des Klimawandels unübersehbar. Doch Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind auch für die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft essenziell.

Industry Special

1. Einleitung

Rekordtemperaturen, anhaltende Dürren und ausgetrocknete Flussläufe machen die physischen Auswirkungen des Klimawandels unübersehbar. Doch Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind auch für die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft essenziell. Vor diesem Hintergrund fordern Investoren und Private-Equity-Häuser verstärkt messbare Nachhaltigkeitsstrategien bei Unternehmensübernahmen. Denn Green M&A-Deals schaffen nicht nur Shareholder Value, sondern auch einen gesellschaftlichen Impact.

Bei Transaktionsprozessen steht Green M&A bereits seit einigen Jahren weit oben auf der Agenda: Investoren erwarten zunehmend, dass Nachhaltigkeitsaspekte bei Übernahmen nachvollziehbar und belastbar eingeordnet werden. Der diesjährige Hitzesommer dürfte diese Entwicklung noch beschleunigen. Erfolgreiche Transaktionen entstehen insofern heute vor allem dort, wo Renditeerwartungen und nachhaltige Wertschöpfung zusammen gedacht werden. Investoren, die Nachhaltigkeit nicht bloß als formale Berichterstattungspflicht begreifen, übernehmen damit eine Schlüsselrolle bei der Transformation der Wirtschaft.

2. Klimarisiken werden zum Deal-Kriterium

Unternehmen und Investoren verfügen heute über deutlich mehr Wissen zu klimabezogenen Risiken als noch vor wenigen Jahren. Entsprechend erwarten Marktteilnehmer eine fundierte Einordnung dieser Faktoren im Rahmen von Transaktionen. Ähnlich wie die Prüfung steuerlicher oder rechtlicher Risiken gehört daher auch die Bewertung von Nachhaltigkeits- und Klimarisiken zunehmend zum Standard einer Due Diligence. Allein anhand klassischer Finanzkennzahlen lässt sich die Attraktivität eines Übernahmeziels heute vielfach nicht mehr vollständig beurteilen. Hinzu kommen regulatorische Vorgaben und Berichtspflichten, die Nachhaltigkeitsaspekte stärker in strategische Entscheidungen und Transaktionsprozesse integrieren.

Unsere Gespräche mit Investoren, Fonds und Investmentbanken zeigen, dass CO₂-Neutralität und erneuerbare Energien weiterhin hohe Relevanz besitzen. Selbst wenn sich der politische oder regulatorische Druck zeitweise abschwächen sollte, bleiben diese Themen für viele Kapitalgeber zentrale Investitionskriterien.

Besonders im Bereich erneuerbarer Energien und regenerativer Stromerzeugung beobachten wir weiterhin eine hohe Transaktionsaktivität sowie erheblichen Investitionsbedarf. Die veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen seit Beginn des Konflikts in der Ukraine haben diese Entwicklung zusätzlich beschleunigt.

Auch in diesem Marktsegment kann eine Climate Due Diligence entscheidend dazu beitragen, die Investitionsentscheidung abzusichern. Wer heute beispielsweise einen Windpark erwirbt, möchte nachvollziehen können, welchen klimatischen Veränderungen der Standort in den kommenden Jahrzehnten ausgesetzt sein könnte. Dabei spielen beispielsweise die folgenden Fragen eine Rolle: Können stärkere Stürme die Lebensdauer von Windkraftanlagen beeinträchtigen? Welche Auswirkungen haben häufigere Hagelereignisse auf Solarparks? Inwieweit gefährden Hochwasserereignisse kritische Netzinfrastruktur? Solche physischen Klimarisiken sind längst nicht mehr nur ein Nachhaltigkeitsthema. Sie beeinflussen zunehmend Wirtschaftlichkeit, Versicherbarkeit, Risikokosten und Ertragspotenzial eines Projekts.

Zusätzlich zahlen Investitionen in grüne Energien auf das Unternehmensprofil ein und schaffen so Vertrauen an den Kapitalmärkten. Dies wiederum erleichtert den Zugang zu nachhaltigen Finanzierungsinstrumenten.

3. Wie Klimarisiken in die Unternehmens- bewertung einfließen

Die wachsende Bedeutung des Themas geht mit aufwändigen Analysen und Modellrechnungen über Zeiträume von Jahrzehnten einher. Insbesondere während der typischen Haltedauer der meisten Vermögenswerte von fünf bis zehn Jahren stellt sich die Frage, wie hoch die Wahrscheinlichkeiten für gravierende Schadensereignisse im kommenden Jahrzehnt sind. Käufer berücksichtigen dabei zunehmend auch die Perspektive eines späteren Exits. Die Frage, wie widerstandsfähig ein Asset gegenüber langfristigen Klimarisiken ist, gewinnt deshalb bereits bei der Erstinvestition erheblich an Bedeutung.

Im Rahmen eines Climate Risk Assessments wird auf Basis wissenschaftlicher Klimamodelle analysiert, wie sich Umwelt- und Wetterbedingungen in einer Region über mehrere Jahrzehnte entwickeln könnten, mit welcher Wahrscheinlichkeit gravierende Schadensereignisse eintreten und welche Risiken sinnvoll abgesichert werden sollten. Investoren verlangen darüber hinaus zunehmend eine Quantifizierung möglicher finanzieller Auswirkungen, etwa durch Schadenskosten, Ertragsausfälle oder Auswirkungen auf Cashflows und Investitionsausgaben. Die Ergebnisse fließen heute regelmäßig in Unternehmensbewertungen und Kaufpreisverhandlungen ein. Zugleich gewinnt die Frage der Versicherbarkeit an Relevanz: In Regionen mit erhöhtem Risiko für Überschwemmungen, Hagel oder Starkwind können Versicherungsschutz, verfügbare Kapazitäten und Prämienhöhe einen wesentlichen Einfluss auf die Transaktion haben.

Darüber hinaus stehen auch die Emissionen eines Assets sowie dessen Einfluss auf Umwelt und Klima im Fokus der Bewertung. Dies gilt insbesondere für Investoren und Unternehmen, deren Geschäftsmodelle noch teilweise auf fossilen Energieträgern basieren. Viele Marktteilnehmer haben konkrete Nachhaltigkeitsziele definiert, deren Erreichung von Aktionären, Finanzierungspartnern und weiteren Stakeholdern beobachtet wird. Werden diese Entwicklungen nicht ausreichend berücksichtigt, können langfristig Wertminderungen oder zusätzliche Anpassungskosten entstehen. Schließlich sind auch Banken, Private-Equity-Häuser und andere Kapitalgeber an eigene Nachhaltigkeitsvorgaben und Verpflichtungen gegenüber ihren Investoren gebunden.

4. Praxisbeispiel: Klimarisiken als Bewertungsfaktor

Kürzlich beriet Aon einen Finanzinvestor im deutschsprachigen Raum, der vor einer Übernahme eines landwirtschaftlichen Vermögenswertes eine Bewertung akuter und permanenter Klimarisiken benötigte. Für den Investor war diese Quantifizierung essenziell, um ein valides Angebot abgeben zu können. Zur Gefahrenbewertung haben wir interne und externe Klimamodelle sowie Daten aus der Forschung eingesetzt. Unser Bericht identifizierte Dürre, Feuer und Hitze als Hauptrisiken in einem Szenario für 2040 und prognostizierte sinkende Erträge bis 2070. Diese Ergebnisse wurden in das Finanzbewertungsmodell des Käufers integriert, insbesondere um Anpassungen an künftige Erträge und Betriebskosten vorzunehmen. Zudem haben wir eine parametrische Versicherung zur Risikoabsicherung empfohlen.

5. Wenn Klimarisiken den Unternehmenswert beeinflussen

Einen vergleichbaren Auftrag haben wir kürzlich für einen britischen Alternative-Investment-Manager mit Infrastrukturfokus umgesetzt. Ziel war es, physische Klimarisiken, Übergangsrisiken sowie potenzielle Chancen innerhalb des Portfolios systematisch zu bewerten. Dafür wurden mehr als 350 Standorte mit einem Gesamtwert von mehreren Milliarden US-Dollar analysiert.

Die Ergebnisse bis zum Jahr 2050 zeigten, dass etwa 1% des gesamten Vermögenswerts durch physische Klimarisiken gefährdet ist. Als wesentliche Faktoren stellten sich hierbei Wasserstress und Temperaturextreme heraus. Das dominierende Übergangsrisiko im gesamten Portfolio bildete die CO2-Bepreisung. Demgegenüber standen durch den Klimawandel induzierte Chancen in einem äußerst niedrigen Gesamtwert. Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse wurde diese Analyse in einer zweiten Projektphase auf den gesamten Private-Equity-Bereich des Unternehmens ausgeweitet.

6. Warum Investoren auf spezialisierte Risikoexpertise angewiesen sind

Dass Nachhaltigkeits- und Klimaschutzanforderungen mittelfristig zurückgenommen und das Tempo in der EU verlangsamt wird, ist zwar möglich, aber: Regulierung funktioniert nur dort, wo sie im Einklang mit der Wirtschaftsleistung steht. In Zeiten der Rezession werden Prioritäten oft neu definiert, es wird vielleicht das eine oder andere Ziel in die Zukunft verlagert. Am Ausbau erneuerbarer Energien geht aber kein Weg vorbei.

Aktuell sehen wir die größten Investitionsvolumina insbesondere in der Energie- und Infrastrukturtransformation. Dazu zählen Stromnetze, Wind- und Solarparks ebenso wie Batterie- und Speicherlösungen sowie Wasserstoff- und LNG-Projekte.

Damit diese Entwicklung anhält, braucht es neben verlässlichen Rahmenbedingungen vor allem belastbare Risikoanalysen und fundiertes Bewertungswissen. Viele Unternehmen können diese Expertise intern nur begrenzt vorhalten. Deshalb gewinnen spezialisierte Berater und Industrieversicherungsmakler im Transaktionsumfeld an Bedeutung. Sie helfen dabei, Klimarisiken frühzeitig zu quantifizieren, deren Auswirkungen auf Bewertungen transparent zu machen und geeignete Absicherungsstrategien zu entwickeln. Unsere Erfahrung im Bereich Climate Risk Assessment basiert auf einem langjährigen Multimodell-Ansatz, der zahlreiche führende Klimamodelle kombiniert, um die Auswirkungen physischer Klimarisiken auf Vermögenswerte zu bewerten.

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