02.12.2025 | Dr. Alexander Gepp

Vom Gründen, Hinfallen und Wiederaufstehen

Als der zweite Corona-Lockdown Gepp’s Feinkost kurz vor Weihnachten 2020 mit voller Wucht traf, stand nicht nur das Unternehmen, sondern auch das private Zuhause der Gründer auf dem Spiel.

LEBENSWERK

Als der zweite Corona-Lockdown Gepp’s Feinkost kurz vor Weihnachten 2020 mit voller Wucht traf, stand nicht nur das Unternehmen, sondern auch das private Zuhause der Gründer auf dem Spiel. In einem beispiellosen Kraftakt stemmten sich Alexander und Roja Gepp gegen die drohende Insolvenz – mit Haltung, Mut und einem tiefen Glauben an ihr Team. Der Weg durch das Schutzschirmverfahren wurde zur Feuerprobe und zugleich zum Wendepunkt: Heute steht Gepp’s stärker da als je zuvor – dank eines klaren Kompasses, gestraffter Prozesse und dem festen Willen, aus der Krise zu lernen.

Als Alexander Gepp 2012 gemeinsam mit seiner Frau Roja den ersten Gepp’s-Laden eröffnete, war das kein Zufall, sondern der logische Schritt zweier Menschen, die Genuss nicht nur erleben, sondern gestalten wollten. Ein kleiner Laden, große Ambitionen – und eine Idee, die über das reine Verkaufen hinausging: Geschmack sollte Haltung haben.

Der Anfang: Eine Idee mit Charakter

Alexander Gepp ist kein typischer Feinkostgründer. Der gebürtige Grazer, promovierte Betriebswirt und ehemalige Unternehmensberater hatte seine Karriere eigentlich auf einem ganz anderen Spielfeld begonnen. Stationen bei Nestlé und Roland Berger, später die Geschäftsführung einer Blumenfarm in Kenia mit über tausend Mitarbeitenden – das prägte ihn. Verantwortung, Wachstum, Risiko: All das lernte er früh.

Doch irgendwann war klar: Es fehlte etwas. „Ich wollte etwas Eigenes schaffen, das nicht nur ökonomisch funktioniert, sondern auch emotional Sinn ergibt“, erinnert er sich. Gemeinsam mit seiner Frau Roja entstand die Idee zu einer Feinkostmarke, die gute Zutaten, Neugier und Lebensfreude vereint.

2012 gründeten sie Gepp’s Feinkost, ein Jahr später öffnete in Regensburg die erste Filiale. Ihr Motto: Aus Gutem das Besondere machen.

Der Geschmack von Haltung

Von Beginn an setzte Gepp’s auf Qualität und Authentizität. Keine künstlichen Aromen, keine unnötigen Zusätze, kein Marketing ohne Inhalt – stattdessen handwerklich gefertigte Produkte, ehrliche Zutaten und Rezepturen, die aus Reisen, Begegnungen und Experimenten entstanden.

„Uns ging es nie darum, nur eine weitere Feinkostmarke zu sein“, sagt Gepp. „Wir wollten zeigen, dass Saucen, Öle, Essige oder Gewürze etwas über Haltung erzählen können – über Wertschätzung, über Herkunft, über das, was Menschen miteinander verbindet.“

Das Konzept traf einen Nerv. Innerhalb weniger Jahre wuchs Gepp’s zu einer Marke mit Filialen in ganz Deutschland – von Hamburg bis München, von Essen bis Dresden. Die Läden wurden zu Orten des Probierens und Entdeckens – kleinen Bühnen für das, was gutes Essen ausmacht: Neugier, Sinnlichkeit und Gemeinschaft.

Wachstum mit Verantwortung

Während viele Feinkostanbieter auf Zukauf und Handelsware setzten, entschied sich Gepp’s für Eigenentwicklung. Die Produkte wurden gemeinsam mit Partner-Manufakturen in Deutschland und Europa gefertigt, oft aus Betrieben, mit denen eine langjährige Beziehung besteht. „Wir wollten wissen, woher unsere Produkte kommen, wer sie macht und wie sie entstehen“, betont Gepp.

Diese Haltung – nachhaltiger, fairer und bewusster zu wirtschaften – wurde zur DNA des Unternehmens. Wachstum bedeutete für Gepp’s nie blindes Expansionsstreben, sondern das stete Ringen um Balance: zwischen Handwerk und Handel, zwischen Leidenschaft und Logik, zwischen Mensch und Marke.

Der tiefe Fall

Dann kam die Pandemie. Der zweite Corona-Lockdown im Dezember 2020 traf Gepp’s an der empfindlichsten Stelle: kurz vor Weihnachten, dem umsatzstärksten Zeitraum des Jahres. Zwar blieben die Filialen geöffnet, doch durch den allgemeinen Lockdown im Einzelhandel brach der Umsatz dramatisch um mehr als 90 % ein – bei weiterlaufenden Kosten.

„Ich hatte persönlich gebürgt“, erzählt Gepp. „Plötzlich stand nicht nur unser Unternehmen auf dem Spiel, sondern auch unser Zuhause.“

Gepp’s rutschte ins Schutzschirmverfahren – eine besondere Form der Sanierung in Eigenverwaltung. Was nach nüchterner Juristerei klingt, war in Wahrheit ein existenzieller Kampf: um Vertrauen, um Glaubwürdigkeit, um Zukunft – und letztlich ums Überleben des mühevoll Aufgebauten.

Sechseinhalb Monate lebten Alexander und Roja im Ausnahmezustand. Tage voller Ungewissheit, Nächte ohne Schlaf. Zwischen M&A-Prozess, Gläubigerversammlung und der Angst vor der Privatinsolvenz blieb keine Sekunde zum Durchatmen. „Ich musste Haltung bewahren – für mein Team, für meine Familie, für mich selbst. Aufgeben war keine Option.“

Am 19. Juli kam die Wende: Der letzte von vier Bürgen, dessen Unterschrift über Fortbestand oder Ende entschied, sagte zu – buchstäblich in letzter Minute. „Dieser Tag war mein zweiter Geburtstag“, sagt Gepp.

Was bleibt, wenn alles wankt

Die Monate der Unsicherheit haben Spuren hinterlassen – aber auch neue Stärke geformt. „Ich habe in dieser Zeit mehr über Menschen gelernt als in den zehn Jahren davor. Einige haben sich abgewendet, andere sind über sich hinausgewachsen.“

Vor allem das Team blieb. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Verantwortung übernahmen, obwohl die Zukunft unklar war. „Sie fragten nicht: Was bekomme ich? Sondern: Was kann ich beitragen? Das hat mich tief bewegt.“

Heute steht Gepp’s stärker da als je zuvor. Das Unternehmen hat sich neu aufgestellt, Prozesse wurden gestrafft, das Online-Geschäft ausgebaut, Lieferketten optimiert. Gepp nennt das „Wachstum aus Erkenntnis“.

Neustart mit Haltung

Heute produziert Gepp’s Feinkost in stabiler Struktur. Das Sortiment wächst weiter – neue Saucen, Dressings, Gewürze und Feinkostideen entstehen fortlaufend. Hatten die Filialen 2019 noch einen Anteil von 89 Prozent am Gesamtumsatz, so erzielt die Unternehmensgruppe heute mehr als zwei Drittel des Jahresumsatzes außerhalb der 22 Filialen. Doch der Fokus bleibt derselbe: ehrliche Zutaten, handwerkliche Qualität, nachhaltige Verantwortung.

Parallel bleibt Gepp seinem anderen Lebensfeld treu – dem Sport. Als ambitionierter Marathonläufer und Ultratrail-Sportler sieht er viele Parallelen: „Unternehmertum ist wie Ausdauersport. Es geht ums Durchhalten, um Rhythmus, um den Glauben, dass sich Schmerz in Stärke verwandeln kann.“

Der Blick nach vorn

Heute blickt Alexander Gepp mit Gelassenheit und Zuversicht auf die vergangenen Jahre zurück. „Vom Gründen, Hinfallen und Wiederaufstehen – das ist keine Floskel. Das ist unser Weg.“

Gemeinsam mit seiner Frau Roja führt er das Unternehmen weiter – mit derselben Leidenschaft wie am ersten Tag, aber mit dem Wissen, dass Stabilität nicht aus Erfolg entsteht, sondern aus Krisen, die man überlebt.

„Ich bin stolz auf das, was wir aufgebaut haben“, sagt Gepp. „Aber noch mehr bin ich dankbar für das, was geblieben ist: Menschen, Haltung und die Freude, gemeinsam das Unternehmen weiterzuentwickeln. Denn die Welt verändert sich – Zielgruppen, Märkte, Technologie, Nachhaltigkeitsanforderungen. Und wir verändern uns mit.“

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