Warum Europas Buy-and-Build-Plattformen in der Versicherungsvermittlung vor dem Reifegradtest stehen
Vom Einsammeln zum Aufräumen – Warum Europas Buy-and-Build-Plattformen in der Versicherungsvermittlung vor dem Reifegradtest stehen
Der europäische Markt für Versicherungsmakler hat in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Buy-and-Build-Welle erlebt. Seit 2015 wurden mehr als 5.200 M&A-Transaktionen europäischer Versicherungsmakler registriert; allein im Jahr 2025 waren es rund 531 veröffentlichte Deals, davon 61% mit Private-Capital-gestützten Käufern. Auch in der DACH-Region blieb die Aktivität mit 73 angekündigten Transaktionen 2025 etwa auf dem Niveau der letzten drei Jahre, wobei die tatsächliche Zahl wegen zahlreicher nicht veröffentlichter kleiner Add-ons und Portfoliotransfers deutlich höher liegt. Was in den USA entwickelt und in UK professionalisiert wurde, ist längst auf Kontinentaleuropa übergeschwappt. Deutschland, Frankreich, Benelux, Iberia und Italien zählen heute zu den wichtigsten Schauplätzen dieser Entwicklung. Doch die Logik des Marktes verschiebt sich: Die europäische Versicherungsvermittlung hat einen Wendepunkt erreicht und tritt in eine anspruchsvollere Phase ein.
Für viele Private-Equity-gestützte Plattformen wird diese neue Phase zur Bewährungsprobe. Die ursprüngliche Investment-These war lange schlüssig: anorganisch über Add-on-Akquisitionen wachsen, organisch von einem harten Versicherungsmarkt profitieren und durch Harmonisierung von Courtagen, Einkauf, Systemen und Betriebsmodell zusätzliche Margenpotenziale heben. Genau diese Komfortzone wird nun kleiner. Erstens bleibt der Rückenwind aus: Prämienerhöhungen der Versicherer, die über Jahre organisches Wachstum weitgehend ohne proportional steigende Kostenbasis ermöglichten, fallen zunehmend weg und erhöhen den Druck auf echtes Netto-Wachstum durch bessere Kundenbindung und Cross-Selling. Zweitens ist die Verfügbarkeit attraktiver Add-on-Targets in vielen Märkten deutlich gesunken. In reiferen Konsolidierungsmärkten sind viele mittelgroße, hochwertige Makler bereits verkauft; der verbleibende Dealflow ist kleinteiliger, selektiver und schwerer zu integrieren. Damit wird anorganisches Wachstum behäbiger, während Investoren vor einem Exit genauer prüfen, ob aus eingesammelten Beständen tatsächlich eine skalierbare Plattform geworden ist. Käufer werden wählerischer und legen mehr Wert auf einen organischen Value Creation- und Integrationsplan.
Die Marktsignale 2025 waren ambivalent. Transaktionen wie Attikon mit Astorg oder HBC mit dem Wechsel von Preservation Capital Partners zu Bridgepoint zeigen, dass gut positionierte Plattformen weiterhin attraktiv sind. Für die neuen Eigentümer beginnt der Wertschöpfungstest jedoch unter anspruchsvolleren Bedingungen: Die angestrebte Investorenrendite wird weniger über Multiple-Arbitrage und Deal-Frequenz entstehen, sondern ebenso über organisches Wachstum, Integrationskraft oder operative Transparenz. Genau daran misst der Markt inzwischen kritischer. Die Turbulenzen um die von Nordic Capital gestützte Helmsauer Gruppe, der zurückgezogene Prozess der Global-Gruppe und der gescheiterte Verkauf von PIB an Gallagher führen sicherlich zu mehr Vorsicht. Der Markt hat den Appetit auf Versicherungsmaklerplattformen nicht verloren, aber deutlich weniger Geduld mit unaufgeräumten Plattformen.
Kapital wird somit selektiver allokiert. Besonders gefragt sind spezialisierte Makler mit Nischenexpertise und Fokus auf Specialty-Versicherungen sowie MGAs, die in der Wertschöpfung näher an Produktentwicklung, Underwriting und Kapazitätsplatzierung sitzen. Sie verbinden verteidigbare Kunden- und Marktzugänge mit zusätzlichen Gebühren- und Margenpools jenseits klassischer Courtage. Plattformen wie Optio, RiskPoint oder Orvia stehen exemplarisch für paneuropäische MGA-Strukturen, die spezialisierte Kapazitäten über mehrere Länder und Produktlinien bündeln.
Der Broker-Roll-up in Europa ist damit nicht am Ende, sondern in seiner nächsten Reifephase angekommen. Aus Einsammeln wird Aufräumen — und genau darin entscheidet sich, welche Plattformen wirklich Exit-ready sind.