Höchststand seit 2013: Warum der Verkauf aus der Insolvenz zum M&A-Thema für den Mittelstand wird
Mit 12.812 Antrgen im ersten Halbjahr 2026 erreichen die Unternehmensinsolvenzen den hchsten Stand seit 2013. Der Verkauf der GWSPA Produktion an die Demmel Gruppe zeigt, wie Investorenprozesse aus der Eigenverwaltung funktionieren und worauf Kufer achten sollten.
Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland liegt 2026 so hoch wie seit mehr als einem Jahrzehnt nicht. Für strategische Käufer und Finanzinvestoren wächst damit ein Marktsegment, das eigene Regeln hat: Unternehmensverkäufe aus der Eigenverwaltung. Ein aktueller Fall aus Oberbayern zeigt, wie solche Prozesse ablaufen.
Ein Fall aus der Praxis: Demmel übernimmt in Wasserburg
Am 26. Oktober 2026 meldeten die Beteiligten den Verkauf des Geschäftsbetriebs der GWSPA Produktion GmbH, vormals Wilhelm Gronbach GmbH, an die Demmel Gruppe aus Scheidegg im Westallgäu. Der Zulieferer für Lüftungstechnik, Oberflächenveredelung, Gerätebau und Kinematik hatte im April 2026 beim Amtsgericht Rosenheim ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt, eröffnet wurde es zum 1. Juli 2026. Als Gründe nennt das Unternehmen die konjunkturelle Abschwächung seit Ende 2022, die Kaufzurückhaltung bei Küchenmöbeln und Hausgeräten sowie stark gestiegene Beschaffungs- und Personalkosten.
Das Ergebnis des internationalen Investorenprozesses: 107 Mitarbeitende wechseln zur neuen Demmel GronTec GmbH, 43 in eine Transfergesellschaft. Die österreichischen Töchter waren bereits zuvor im Verfahren an einen Investor veräußert worden. Der Vollzug steht noch unter dem Vorbehalt von Closing-Bedingungen. Demmel, nach eigenen Angaben rund 1.200 Mitarbeitende und 240 Mio. Euro Umsatz, will mit dem Standort seine Diversifizierung jenseits der Automobilbranche vorantreiben und bringt eigene Aufträge mit.
Bemerkenswert ist die Rollenverteilung: Sanierungsgeschäftsführer von Anchor führten das Verfahren operativ, Volker Böhm von Schultze & Braun begleitete es als Sachwalter, den M&A-Prozess steuerte die PLUTA Management GmbH, rechtlich berät Taylor Wessing, betriebswirtschaftlich allea consult. Die Produktion lief nach Angaben der Beteiligten während des gesamten Verfahrens ohne Einschränkungen weiter.
Die Zahlen: so viele Anträge wie zuletzt 2013
Der Fall steht für ein breites Bild. Laut Statistischem Bundesamt stellten im ersten Halbjahr 2026 12.812 Unternehmen einen Insolvenzantrag, 6,7 % mehr als im Vorjahreszeitraum. Das ist der höchste Halbjahreswert seit 2013, als 13.253 Fälle gezählt wurden. Im Juni 2026 lag das Plus gegenüber dem Vorjahresmonat bei 15,8 %. Von Januar bis Juli 2026 summierten sich die beantragten Unternehmensinsolvenzen auf 15.185, ein Anstieg um 6,9 %.
Auffällig ist die Gegenbewegung bei den Forderungen: Die Gläubiger meldeten für Januar bis Juli 2026 rund 21,9 Mrd. Euro an, nach 31,8 Mrd. Euro im Vorjahreszeitraum. Destatis führt den Rückgang bereits für das erste Halbjahr darauf zurück, dass weniger wirtschaftlich bedeutende Unternehmen Insolvenz beantragt haben. Mehr Fälle, aber kleinere: Das ist genau das Segment, in dem mittelständische Strategen und kleinere Beteiligungsgesellschaften als Käufer auftreten.
Der jüngste Datenpunkt kommt vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), das nur Personen- und Kapitalgesellschaften erfasst. Danach gab es im September 2026 1.666 Insolvenzen, 13 % mehr als im September 2025. Im dritten Quartal zählte das IWH 4.880 Fälle, den zweithöchsten Quartalswert seit 2005. Wichtig für die Einordnung: Die amtlichen Zahlen laufen dem tatsächlichen Geschehen hinterher, der Insolvenzantrag liegt nach Destatis in vielen Fällen rund drei Monate vor der statistischen Erfassung.
Wo der Druck am größten ist
Gemessen an der Insolvenzhäufigkeit je 10.000 Unternehmen trifft es laut Destatis vor allem Verkehr und Lagerei, das Gastgewerbe und das Baugewerbe. Das IWH meldet für das dritte Quartal zudem neue Höchststände in den Bereichen Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, Information und Kommunikation sowie bei freiberuflichen und sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen. Damit reicht die Welle über die klassischen zyklischen Branchen hinaus.
Was Käufer aus Verfahren wie Wasserburg lernen können
Erstens: Die Betriebsfortführung ist der Werttreiber. Wer als Investor einsteigen will, kauft einen laufenden Betrieb mit Kunden, Lieferanten und Belegschaft. Gelingt die Stabilisierung im Verfahren nicht, schrumpft die Substanz mit jeder Woche.
Zweitens: Die Eigenverwaltung schafft eine klare Struktur mit getrennten Rollen. Die Geschäftsleitung bleibt im Amt und wird durch Sanierungsexperten verstärkt, ein Sachwalter wacht über die Gläubigerinteressen, ein eigener Berater führt den Verkaufsprozess. Für Käufer bedeutet das planbare Ansprechpartner, aber auch eine Verhandlung, in der das Gläubigerergebnis zählt.
Drittens: Strategische Käufer mit eigenem Auftragsbestand haben einen Vorteil. Demmel bringt nach eigener Aussage Aufträge an den Standort mit und kann so die Auslastung erhöhen. Wer Synergien sofort heben kann, kann im Bieterprozess anders kalkulieren als ein reiner Finanzinvestor.
Viertens: Personalanpassungen sind Teil der Lösung. Transfergesellschaften wie in Wasserburg erlauben es, die Kostenbasis anzupassen und zugleich einen geordneten Übergang für die Betroffenen zu organisieren.
Ausblick: Stabilisierung, aber auf hohem Niveau
Eine schnelle Entspannung zeichnet sich nicht ab. Das IWH erwartet für Oktober weiterhin hohe Zahlen und für das vierte Quartal insgesamt einen Rückgang. Die Kanzlei Fella Fricke Wagner rechnet in einer Analyse vom September mit einer Stabilisierung auf hohem Niveau etwa ab 2027 statt mit einer abrupten Trendwende. Für den M&A-Markt heißt das: Verkäufe aus Eigenverwaltung und Regelinsolvenz bleiben auf absehbare Zeit ein fester Bestandteil des Dealflows im Mittelstand.
Quellen: Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 325 vom 11. September 2026 und Nr. 362 vom 9. Oktober 2026; IWH-Insolvenztrend, Pressemitteilung 30/2026 vom 8. Oktober 2026; Fella Fricke Wagner, Beitrag vom 3. September 2026; Pressemitteilung von Anchor vom 26. Oktober 2026.