12.02.2026 | Jan Pörschmann, Ulrike Hinrichs

Marktstimmen 2026: Zwei Perspektiven auf einen Markt im Übergang

Der Jahresauftakt ist traditionell der Moment, in dem sich der Blick weitet: weg vom Tagesgeschäft, hin zu den großen Linien des Marktes. In der Auftaktausgabe der M&A REVIEW mit dem Schwerpunkt Markt kommen daher zwei Stimmen zu Wort, die das Transaktionsgeschehen aus unterschiedlichen, aber komplementären Perspektiven prägen – die Vorstandssprecher des Bundesverbands Mergers & Acquisitions (BMA) und des Bundesverbands Beteiligungskapital (BVK).

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Der Jahresauftakt ist traditionell der Moment, in dem sich der Blick weitet: weg vom Tagesgeschäft, hin zu den großen Linien des Marktes. In der Auftaktausgabe der M&A REVIEW mit dem Schwerpunkt Markt kommen daher zwei Stimmen zu Wort, die das Transaktionsgeschehen aus unterschiedlichen, aber komplementären Perspektiven prägen – die Vorstandssprecher des Bundesverbands Mergers & Acquisitions (BMA) und des Bundesverbands Beteiligungskapital (BVK).

Beide eint die Einschätzung, dass sich der deutsche M&A- und Beteiligungsmarkt nach Jahren hoher Unsicherheit stabilisiert hat. Sinkende Zinsen, verbesserte Planbarkeit und ein wieder wachsendes Investitionsinteresse schaffen die Grundlage für neue Bewegung. Gleichzeitig bleibt der Blick realistisch: Die Erholung ist kein Selbstläufer, politische und strukturelle Hemmnisse wirken fort, und Bewertungsfragen bremsen vielerorts noch die Dynamik.

Während der BMA den Markt vor allem aus der Perspektive strategischer Transformation und technologischer Beschleunigung betrachtet – und M&A als aktiven Gestaltungshebel einer neuen Wachstumsphase versteht –, legt der BVK den Fokus stärker auf Konsolidierung, Kapitaldisziplin und die Notwendigkeit verlässlicher Rahmenbedingungen für nachhaltige Investitionen. Optimismus und Vorsicht stehen dabei nicht im Widerspruch, sondern beschreiben gemeinsam die Spannweite eines Marktes im Übergang.

Gerade diese unterschiedlichen Akzente machen den Dialog so wertvoll: Sie zeigen, wo Einschätzungen zusammenlaufen – etwa bei der wachsenden Bedeutung von Technologie, Innovation und Nachfolge – und wo sich Blickwinkel unterscheiden, wenn es um Tempo, Risikobereitschaft und politische Erwartungen geht. Zusammen ergeben sie ein facettenreiches Bild eines Marktes, der bereit ist für den nächsten Schritt, dessen Richtung jedoch aktiv gestaltet werden muss.

Jan Pörschmann, Vorsitzender des Vorstands BMA: Resilienz und technologischer Durchbruch: Agentic AI als Katalysator für M&A-Transaktionen 2026:

Der BMA sieht in der Konvergenz von stabilisierten Rahmenbedingungen und revolutionären KI-Technologien den Beginn einer neuen Ära für strategische Transaktionen.

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Der deutsche M&A-Markt steht 2026 vor einem historischen Wendepunkt. Nach der makroökonomischen Stabilisierung von 2025 erleben wir den Beginn der „Neo-Gründerzeit“ – eine technologische Renaissance, die der Nachkriegszeit von 1948 kaum nachsteht. Doch während der Wiederaufbau damals physisch war, ist die Rekonstruktion heute digital und systemisch geprägt. Mit dem Durchbruch der „Agentic AI“ und massiven Kapitalreserven im Private-Equity-Sektor wird M&A vom strategischen Werkzeug zum existenziellen Imperativ.

Marktumfeld 2026: Das Ende der Stagnation

Das Jahr markiert das Ende der „verlorenen Jahre“ der frühen 20er Jahre. Die makroökonomischen Indikatoren sprechen eine Sprache robuster Zuversicht: Ein BIP-Wachstum von 1,3% bis 1,5% beendet die faktische Stagnation, während eine Inflation von rund 2,0% die ersehnte Preisstabilität bringt.

Die Zinssenkungen der EZB wirken 2026 vollumfänglich auf die Realwirtschaft durch. Kapital ist zu kalkulierbaren Kosten verfügbar, was M&A-Transaktionen begünstigt. Staatliche Investitionen in Verteidigung und grüne Transformation stützen das BIP zusätzlich um geschätzte 0,8 Prozentpunkte.

Der technologische Paradigmenwechsel: Agentic AI

2026 verlassen wir die Ära der „Generativen KI“ und treten in die Ära der Agentic AI ein. Diese Systeme emanzipieren sich vom reaktiven „Task Taker“ zum proaktiven „Outcome Owner“ – sie agieren basierend auf definierten Zielen, statt auf Eingaben zu warten.

Die industrielle Anwendung erfolgt in drei Reifegraden: Single-Agent Automation, Multi-Agent Orchestration und Cross-Enterprise Agency. Siemens treibt diese Entwicklung mit dem „Industrial Copilot“ voran, der bis 2026 Produktionslinien autonom optimiert. Autonome Security-Agenten fungieren als „Corporate Immune System“ und patchen Schwachstellen in Millisekunden.

M&A als strategischer Imperativ

In einer Welt, in der sich technologisches Wissen alle 18 Monate verdoppelt, ist organisches Wachstum oft zu langsam. Das „Build vs. Buy“-Dilemma wird im weiteren Verlauf zugunsten von „Buy“ verschoben. Studien zeigen, dass Unternehmen durch KI-Akquisitionen ihre Time-to-Market um 30-50% verkürzen können.

Gleichzeitig revolutioniert KI den M&A-Prozess selbst: AI-Driven Due Diligence und algorithmisches Target Screening führen dazu, dass auch kleinere Transaktionen wirtschaftlich darstellbar werden. Wir erwarten einen Anstieg der Deal-Volumina im deutschen Mittelstand um bis zu 50%.

Zukunftsbranchen als Wachstumsmotoren

Biotechnologie: Der EU Biotech Act schafft einen harmonisierten Binnenmarkt mit vereinfachten Zulassungsverfahren. Big Pharma mit vollen Kassen trifft auf innovative Biotech-Startups – der perfekte Nährboden für Übernahmen.

Wasserstoff-Infrastruktur: 2026 wird das Wasserstoff-Kernnetz physisch greifbar. Projekte wie GetH2 und H2ercules schaffen die Arterien der neuen Energieversorgung und lösen Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette aus.

Quantum Computing: Mit staatlichen Förderprogrammen in Milliardenhöhe positioniert sich Deutschland als Quantum-Leader. Strategische Investoren sichern sich bereits heute Zugang zu IP und Talenten.

Fusionsenergie: 2026 markiert einen Wendepunkt für die Fusionsenergie als kommerzielle Realität. Mit dem exponentiell wachsenden Energiehunger der KI-Rechenzentren und dem Durchbruch privater Fusionsunternehmen wird diese Technologie für strategische Investoren interessant. Deutschland positioniert sich mit dem Wendelstein 7-X und europäischen ITER-Kooperationen als Technologieführer in der Stellarator-Technologie.

Kapitalmobilisierung als Erfolgsfaktor

Die Private-Equity-Industrie sitzt auf historischen „Dry Powder“-Reserven – europaweit sprechen wir von Volumina jenseits der Billionen-Euro-Marke. Nach der Zurückhaltung 2023/24 steigt der Anlagedruck erheblich. Exits und Secondaries nehmen zu. Return-Erwartungen der Investoren forcieren Exits. Wir rechnen mit über 400 PE-Exits 2026.

Die WIN-Initiative lenkt bis 2030 rund 12 Mrd. EUR privates Kapital in das deutsche VC-Ökosystem. Deutsche Scale-ups müssen für große Finanzierungsrunden nicht mehr zwingend in die USA gehen. Neue Deep-Tech-Fonds kommen auf den Markt. Bestehende Tech-Investoren raisen zunehmend Growth Capital Funds.

Der deutsche Mittelstand bleibt 2026 der Ort, an dem Technologie auf Umsetzungsstärke trifft. Ausländische Investoren suchen spezialisierte Champions; gleichzeitig internationalisieren KMU akquisitiv – lokal in den USA („localforlocal“) und konsolidierend in Europa. Unsere Aufgabe als Verband: Brücken bauen bei Kultur, Compliance und Kapital – und den Mittelstand operativ begleiten, von Zielsuche bis PMI.

Das neue Mindset: Selbstverantwortung statt Vollkaskomentalität

Führende Köpfe der deutschen Wirtschaft haben den Ton gesetzt: „Wir warten nicht auf die Politik.“ Unternehmen schaffen Fakten, während die Politik an Verordnungen feilt. Die Rhetorik der „Deindustrialisierung“ ist defätistisch – wir erleben eine Re-Industrialisierung auf neuer Basis.

Fazit

Das Jahr 2026 bietet eine historische Konstellation: stabile Zinsen, besiegte Inflation und mit Agentic AI das mächtigste Produktivitätswerkzeug seit der Dampfmaschine. Die strategischen Imperative lauten: Jetzt investieren, M&A offensiv nutzen, Agentic AI implementieren und unternehmerische Verantwortung übernehmen.

Mit den M&A Excellence Days (4.–5. März 2025), Shift & Change – dem BMA Mittelstandstag (Juni in Düsseldorf), dem BMA M&A Summit und der M&A Award Night (beide am 15. Oktober 2025 in Berlin), dem Start des Pilotkurses „Certified M&A Professional“ (September) und den zweimonatlichen Sitzungen der Arbeitskreise Legal, Digitalisierung und Valuation wollen wir als Bundesverband M&A das M&A-Instrumentarium den breiten Markt erschließen und den Standort Deutschland für die Neo-Gründerzeit zukunftsfähig machen.

Ulrike Hinrichs, Vorstandssprecherin BVK: Rückblick 2025: Stabilisierung trotz Unsicherheit – und ein vorsichtiger Aufbruch für 2026:

Das Jahr 2025 hat dem deutschen Beteiligungsmarkt ein Stück Stabilität zurückgebracht – und dennoch bleibt ein Rest Unsicherheit bestehen. Die großen geopolitischen Konfliktlinien, wirtschaftliche Spannungen und eine weiterhin zögerliche Politik sorgten dafür, dass die Branche auch 2025 unter anspruchsvollen Rahmenbedingungen agierte. Gleichzeitig zeigen die Märkte, dass sie sich nach drei herausfordernden Jahren zunehmend gefangen haben. Die Private-Equity-Investitionen für das erste Halbjahr lagen mit 5,68 Mrd. EUR zwar unter dem Vorjahreswert und damit weiterhin auf niedrigem Niveau, doch sie bestätigten eine Bodenbildung, die in der zweiten Jahreshälfte stabil blieb. Die große Unsicherheit der Vorjahre wich einer vorsichtigeren, aber erkennbar konstruktiveren Dynamik.

Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung im Venture-Capital-Bereich. Mit rund 1,30 Mrd. EUR im ersten Halbjahr und einem stabilen zweiten Halbjahr zeigte sich das VC-Segment robuster als viele andere Marktbereiche.

Die Investitionen konzentrierten sich weiterhin auf technologie- und innovationsgetriebene Geschäftsmodelle. Auch wenn das Niveau der Rekordjahre nicht erreicht wurde, ist die Stabilisierung bei Venture Capital ein wichtiges Signal für die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland. Das zeigt, dass der Innovationsmotor trotz der wirtschaftlichen Gesamtunsicherheit nicht ins Stocken geraten ist.

Im Buy-Out-Segment bot sich ein gemischtes Bild. Zwar lagen die Investitionen im ersten Halbjahr mit 3,43 Mrd. EUR leicht über dem Vergleichswert des Vorjahres, doch die Zahl der Transaktionen blieb verhalten. Hauptgrund dafür bleiben die unveränderten Bewertungsdifferenzen zwischen Verkäufern und Investoren. Während Verkäufer häufig weiterhin frühere Preisniveaus im Blick haben, agieren Investoren angesichts des makroökonomischen Umfelds vorsichtiger und risikoadjustierter. Diese Diskrepanz hat viele Prozesse verlangsamt und manche Transaktion verhindert. Gleichzeitig zeigt sich, dass der deutsche Mittelstand offener für Beteiligungskapital ist als noch vor wenigen Jahren. Der Druck zur Transformation, die Anforderungen an Digitalisierung und Nachhaltigkeit sowie die große Zahl an Unternehmensnachfolgen lassen viele Unternehmen gezielt nach Partnern suchen, die nicht nur Kapital, sondern auch Expertise und Stabilität einbringen.

Wirtschaftspolitisch war 2025 ein Jahr der vertagten Entscheidungen. Zwar sind mit dem Zukunftsfinanzierungsgesetz II erste Verbesserungen in Kraft getreten, doch viele weitere Reformschritte, etwa im steuerlichen Bereich, bei regulatorischen Erleichterungen oder der Bürokratie, bleiben ausstehend. Hier muss die neue Regierung den Ankündigungen auch Ergebnisse folgen lassen, denn umgesetzt wurde bislang wenig. Dies gilt insbesondere auch für Deutschlandfonds und Infrastruktursondervermögen. Diese Langsamkeit birgt Risiken für den Standort, denn der Zugang zu Eigenkapital entscheidet maßgeblich darüber, wie schnell deutsche Unternehmen auf Veränderungen reagieren können. Der BVK hat sich 2025 intensiv dafür eingesetzt, diese strukturellen Hemmnisse sichtbar zu machen und konkrete Lösungen zu adressieren. Angesichts der wirtschaftlichen und technologischen Herausforderungen bleibt politischer Fortschritt zwingend notwendig.

Erstmals seit Jahren hat jedoch die Geldpolitik Entlastung gebracht. Die Zinsschritte der Europäischen Zentralbank wirkten ab dem Sommer spürbar stimulierend. Einige zuvor gestoppte Prozesse wurden wieder aufgenommen und die Planbarkeit verbesserte sich. Dennoch ist klar, dass Zinssenkungen allein keine Trendwende garantieren. Ohne stabile, wettbewerbsfähige wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen wird die Erholung nur langsam voranschreiten.

Auch auf der Fundraising-Seite blieb 2025 ein herausforderndes Jahr. Das eingeworbene Kapital deutscher Beteiligungsgesellschaften ging weiter zurück und lag im ersten Halbjahr bei 2,83 Mrd. EUR. Besonders fehlten neue, große Buy-Out-Fonds. Gleichzeitig zeigte sich das Venture-Capital-Fundraising erfreulich stabil: Mit 1,5 Mrd. EUR konnten VC-Fonds mehr Kapital einwerben als in den drei Halbjahren zuvor. Dies unterstreicht den Trend hin zu spezialisierten Strategien und langfristig denkenden Investoren, die weiterhin an das Innovationspotenzial deutscher Start-ups glauben. Insgesamt reagiert die Branche professionell und konzentriert sich stärker auf klare Schwerpunkte statt auf breites, volumengetriebenes Wachstum.

Die Exit-Situation hingegen blieb angespannt. Der IPO-Markt bot nur wenige geeignete Zeitfenster, und strategische Käufer hielten sich mit Übernahmen zurück. Viele Beteiligungsgesellschaften verlängerten daher die Haltedauer ihrer Portfoliounternehmen. Das führte dazu, dass operative Wertsteigerung und langfristige Entwicklungsarbeit stärker denn je in den Mittelpunkt rückten. Die Branche hat 2025 viel Zeit und Energie in die operative Begleitung investiert – ein Aspekt, der häufig unsichtbar bleibt, aber maßgeblich dazu beiträgt, Unternehmen zukunftsfähig zu machen.

Insgesamt war 2025 ein Jahr der Konsolidierung. Kein Jahr eines schnellen Aufschwungs, aber auch keines des Rückschritts. Die Marktteilnehmer haben sich auf das neue Umfeld eingestellt, die Unsicherheit hat ihre Schärfe verloren, und gegen Jahresende zeigte sich eine zunehmende Belebung der Transaktionsaktivität. Trotz politischer Verzögerungen, geopolitischer Belastungen und verhaltenem Fundraising hält sich die Zuversicht, dass 2026 nicht nur ein Jahr der weiteren Stabilisierung werden kann, sondern sich erste Aufschwungsignale erkennen lassen. Viele Marktindikatoren zeigen in eine positive Richtung, wenn auch mit begrenzter Dynamik.

Für den BVK war 2025 eines der aktivsten und engagiertesten Jahre. Wir haben den Dialog mit der neuen Bundesregierung gesucht, Gesetzesvorhaben wie das Zukunftsfinanzierungsgesetz II und das Standortfördergesetz begleitet, Reformvorschläge vorgelegt, Gespräche mit politischen Entscheidungsträgern geführt und deutlich gemacht, dass Beteiligungskapital ein zentraler Treiber für Transformation, Innovation und Wachstum in Deutschland ist. Mit Blick auf 2026 ist klar: Die Branche ist bereit. Die Unternehmen sind offen für Partnerschaften, die Investoren wollen investieren, und das Umfeld verbessert sich behutsam. Nun braucht es eine Politik, die den Worten endlich Taten folgen lässt.

Privates Kapital bleibt eine unverzichtbare Säule für den Standort Deutschland. Der Markt hat sich stabilisiert – jetzt müssen die Rahmenbedingungen so verbessert werden, dass dieser vorsichtige Aufbruch zu einem nachhaltigen Trend werden kann.

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