07.07.2026 | Carolin Edler-Mende

Schritt für Schritt zur eigenen Stimme

Mit 26 gründete Carolin Edler-Mende ein KI-Unternehmen in einem Markt, der damals noch als Nische galt. Viele sahen in ihr anfangs eher die Tochter des Mitgründers als die Unternehmerin.

LEBENSWERK

Mit 26 gründete Carolin Edler-Mende ein KI-Unternehmen in einem Markt, der damals noch als Nische galt. Viele sahen in ihr anfangs eher die Tochter des Mitgründers als die Unternehmerin. Edler-Mende reagierte mit konsequenter Aufbauarbeit. Heute steht Aristech für nachhaltiges Wachstum und bodenständige Führung, die im Tun entsteht.

In der Pause einer frühen großen Ausschreibung fiel über Carolin Edler-Mende ein Satz, der vieles bündelte, was sie in den ersten Jahren als junge Frau in der Tech-Branche erlebte. Sie war kurz nicht im Raum, ein Partner wandte sich an ihren männlichen Kollegen und kommentierte sinngemäß, es sei gut, dass das Team „ein Schmuckerl“ dabeihabe. In der eigentlichen Verhandlung führte dann Edler-Mende das komplette Gespräch und holte den Auftrag. Für sie blieb die Situation nicht deshalb prägend, weil sie einmalig war, sondern weil sie ein Muster sichtbar machte: Kompetenz wurde ihr nicht automatisch zugeschrieben. Sie musste sie zeigen. Heute führt Edler-Mende mit Aristech ein etabliertes KI-Unternehmen aus Heidelberg. Ihr Weg dorthin bestand aus vielen Momenten, in denen sie ihre Rolle ausfüllen, sichtbar machen und gegen Erwartungen von außen behaupten musste.

2012, im Gründungsjahr von Aristech, war KI nicht so allgegenwärtig wie heute. „Mit Computern zu sprechen, war damals eher katastrophal“ – so erlebte es Edler-Mende. Während ihres Mathematikstudiums hatte sie an der Schnittstelle von Sprache und Technologie gearbeitet. Ein Forschungsaufenthalt in Berkeley erweiterte den Blick. Zurück in Deutschland blieb ein fachliches Anliegen: Warum sollte die Interaktion mit digitalen Systemen so umständlich bleiben, wenn Sprache doch längst das vertrauteste Interface ist?

Der Impuls war nicht der klassische Start-up-Mythos vom schnellen Wachstum und späteren Exit. Es ging zunächst um ein Problem, das Edler-Mende lösen wollte. Sie beschreibt die Gründung eher als Prozess denn als einen einzigen „Jetzt gründe ich“-Moment.

Co-Foundership auf Augenhöhe

Aus diesem Anliegen heraus gründete Carolin Edler-Mende mit ihrem Vater in Heidelberg die Aristech GmbH. Michael Mende hatte über Computerlinguistik und Informatik zur Sprachtechnologie gefunden, unternehmerisch gearbeitet und mehr als zehn Jahre am Wissenschaftlichen Zentrum Europa der IBM geforscht. Carolin Edler-Mende brachte neben ihrer Mathematik-Expertise auch Technologieskills sowie die Lust mit, Verantwortung zu übernehmen. In der Zusammenarbeit fand Familie Mende nach und nach ihre Rollen: der Vater stärker in der technischen Entwicklung, die Tochter in Management, Personalaufbau, operativer Führung und Unternehmensentwicklung.

Die Herausforderung dieser Konstellation lag weniger in einem internen Konflikt als in der Deutung von außen. Von außen wurde die Vater-Tochter-Konstellation lange konservativ interpretiert. Edler-Mende begegnete immer wieder der Annahme, sie habe ein bestehendes Unternehmen der Vorgeneration übernommen. Tatsächlich baute sie Aristech mit auf, trug Führungsverantwortung und entwickelte das Unternehmen operativ weiter.

Aktiv „wegpositionieren“ ließ sich das Vorurteil „Tochter übernimmt etabliertes Unternehmen vom Papa“ kaum. Solche Zuschreibungen verschwinden durch Zeit, durch Erfahrung, durch sichtbare Unternehmensentwicklung und durch Situationen, in denen Kompetenz erlebbar wird. So blieb Edler-Mende konsequent bei dem, was ihr lag: auftreten, entscheiden, führen, verhandeln.

Leading by doing

Aristech wuchs in den ersten Jahren projektfinanziert. Entwickeln, erste Kunden gewinnen, weiterentwickeln: So beschreibt Edler-Mende den Aufbau. Dass das funktionieren würde, war nicht garantiert. Dennoch entschied sie sich bewusst für ein solides, nachhaltiges Wachstum. Es ging darum, zunächst technologisch frei zu bleiben und eine belastbare Basis zu schaffen.

Persönlich wurde das Gründen für sie vor allem dann ernster, als die ersten Mitarbeitenden dazukamen. Solange es nur um sie selbst ging, blieb sie gelassen. Mit dem Team kam eine andere Verantwortung hinzu: Gehälter, Sicherheit, Verlässlichkeit. In den ersten Jahren war für sie klar: Das Gehalt der Mitarbeitenden musste sicher sein, das eigene konnte im Zweifel warten.

Den Mythos, Gründen müsse zwangsläufig 80-Stunden-Wochen und Dauerüberforderung bedeuten, teilt Edler-Mende nicht. Natürlich brauche es Einsatz, aber vor allem Organisation, Priorisierung und Effizienz. Gerade heute, sagt sie, könnten Gründerinnen und Gründer viele Aufgaben mit digitalen Werkzeugen und KI deutlich effizienter angehen als früher.

Ihr Führungsverständnis ist nicht an einer Managementschule entstanden. Ihre Mutter, Professorin und Leiterin eines großen Labors mit viel Personalverantwortung, war ein greifbares Vorbild. Von ihr nahm Edler-Mende früh mit, was Führung im Alltag bedeutet: Verantwortung für Menschen, Klarheit in Strukturen, Kommunikation und Entscheidungen unter Unsicherheit. Den Rest lernte sie im Tun: aus Gesprächen mit Mitarbeitenden, aus Situationen, in denen etwas gut funktionierte, und aus solchen, in denen es das nicht tat.

Heute beschreibt Edler-Mende eine ihrer Stärken darin, das Beste aus anderen hervorzubringen. Für sie bedeutet Führung nicht nur, Aufgaben zu verteilen, sondern Potenzial zu erkennen und Menschen Verantwortung zuzutrauen, manchmal früher, als sie es sich selbst zutrauen. Gerade aus ihrer eigenen Erfahrung heraus führt sie mit einem wachen Blick dafür, wo Menschen in Rollen feststecken, die andere ihnen zuschreiben.

Vielfalt als Business-Realität

Diese Haltung zeigt sich besonders in einem Thema, das Edler-Mende wichtig ist: Frauen in Tech. Aristech arbeitet in einer Branche, in der technische Kompetenz noch immer häufig männlich gelesen wird. In technischen Meetings, sagt Edler-Mende, habe sie sich oft gefühlt, als starte sie nicht bei null, sondern bei minus zehn. Bei männlichen Kollegen wurde Kompetenz vorausgesetzt, bei ihr musste sie erst sichtbar werden.

Genau diese Erfahrung prägt, wie sie Aristech als Arbeitgeberin gestaltet. Frauen sollen nicht automatisch in organisatorische oder kommunikative Rollen rutschen, während Männer die Entwicklungsarbeit leisten. Heute hat Aristech einen hohen Frauenanteil, auch im technischen Team.

Viele Unternehmen sagten, sie fänden keine Frauen. Edler-Mende fragt vorher: Welches Umfeld finden Frauen vor, wenn sie kommen? Sind sie dauerhaft Minderheit? Werden sie exotisiert oder übersehen? Werden ihnen technische Aufgaben selbstverständlich zugetraut? Entscheidend ist deshalb nicht allein, wen ein Unternehmen gewinnen möchte, sondern welches Umfeld Menschen vorfinden, wenn sie dazukommen.

Europäische KI im Praxistest

Wie weit Aristech seit den ersten Projektjahren gekommen ist, zeigt ein aktueller Meilenstein: Air France-KLM setzt im Kundenservice auf einen mehrsprachigen KI-gestützten Voicebot aus Heidelberg. Seit Juli 2025 wird die Lösung schrittweise in mehreren europäischen Märkten eingesetzt. Sie nimmt Anrufe auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Niederländisch entgegen; weitere Sprachen sollen folgen.

Für Edler-Mende ist ein solcher Kunde ein Beleg dafür, wie sich die ursprüngliche Idee bewährt hat. Aus der Frage, wie Menschen besser mit digitalen Systemen sprechen können, wurde eine Technologie, die reale, komplexe Servicesituationen abbildet: unterschiedliche Sprachen, Dialekte, Buchungs- und Ticketnummern, Gepäckfälle, unvorhersehbare Anrufspitzen.

Damit schließt sich der Kreis zur Gründungsidee. Aristech startete mit Text-to-Speech-Lösungen, später kamen Speech-to-Text, Voicebots und dialogbasierte Systeme für Serviceprozesse hinzu. Heute entwickelt das Unternehmen KI-basierte Lösungen für Kundenkommunikation mit eigenem Technologie-Stack, Entwicklung und Hosting in Deutschland. Für Edler-Mende markiert diese Entwicklung auch persönlich einen Sprung: von der jungen Gründerin, deren Kompetenz anfangs hinterfragt wurde, zur Unternehmerin, die mit ihrem Team Lösungen für große Organisationen verantwortet. Sie ist ihrer Linie lange genug treu geblieben, bis andere sie nicht mehr übersehen konnten.

Was Unternehmerinnen und Unternehmer mitnehmen können
  • Rollen sichtbar machen: Gerade in Familien- oder Co-Founder-Konstellationen sollten Zuständigkeiten klar nach innen gelebt und nach außen gezeigt werden.

  • Autorität entsteht durch Erfahrung: Wer unterschätzt wird, überzeugt langfristig am stärksten durch Entscheidungen, Verlässlichkeit und Ergebnisse.

  • Wachstum tragfähig planen: Neue Mitarbeitende bedeuten Verantwortung. Solides Wachstum kann strategisch wertvoller sein als Tempo um jeden Preis.

  • Diversität praktisch prüfen: Entscheidend ist nicht nur, wen man sucht, sondern welches Umfeld Menschen vorfinden, wenn sie ins Unternehmen kommen.

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