The M.A.D. View: Die Juristerei – Helden oder Endgegner?
Kolumne zu aktuellen M&A Themen
Eines muss man ihnen lassen: Während die Versicherungen für zig Millionen Fernsehwerbung schalten und Fußballstadien umbenennen, um von ihrem Spottimage des Fernsehprogramms abzulenken, tut die Juristerei nichts dergleichen. Wieso sollten sie auch. Sie sind die Helden des globalen Vorabends. Für jedes soziale Milieu gibt es eine passende Staranwaltsserie. Vom Fall für Zwei zu Ally McBeal, über Boston Legal zu Suits. Wir halten sogar zu Saul Goodman!
Tolle Serienmenschen, die stets nur das Gute wollen und tun, sammeln sich also in Medizin und in Kanzleien. Im ZDF auch auf Kreuzfahrtschiffen, aber darum geht es gerade nicht. Vielmehr wundern wir uns, ob die M&A-Realität auch mit Heldinnen und Helden mit 2. Staatsexamen übersät ist. Die Antwort ist wie fast immer ein klares Jein.
Wir kennen alle den Vorstands-Kalauer: „... und dann haben wir mal die Anwälte rausgeschickt und den Deal klargemacht!“ Manchmal stimmt das sogar. Und manchmal ist genau das der Moment, wo der Deal drei Jahre später vor Gericht landet.
Die rechtliche Dimension von Transaktionen ist notwendig und zuweilen auch übel. Nächtelange Verhandlungen über Verjährungsfristen von Reps and Warranties, Solidar- oder Individualhaftung, Best Knowledge Clauses, MAC-Definitionen und wer am Ende für die Altlasten haften soll und so weiter, bis niemand mehr weiß, warum man den Deal eigentlich wollte. Dieser Prozess erfolgt im Geiste eines massiven Misstrauensvorschusses. Daher ist es nicht falsch, das arbeitsteilig den Profis zu überlassen. Denn gleichzeitig sollte eine gemeinsame Zukunft auf einem Vertrauensvorschuss zwischen den bisher fremden Managementteams aufgebaut werden. Das Ringen um den Preis des besten Korinthenausscheiders ist da nicht hilfreich.
Die rechtliche Begleitung beschränkt sich aber nicht nur auf die Rolle der Bad Guys. Beim näheren Hinhören in der M&A-Szene wird klar: Nirgendwo streut die Qualität so enorm wie in der rechtlichen Begleitung. Wirtschaftsprüfungsteams und Beratungsboutiquen verstehen manchmal mehr, manchmal weniger vom Ziel, aber fast immer innerhalb des Erwartungsbereichs. Mal ärgert man sich mehr, mal weniger. Selten kommen sie in Success Storys oder Fuckup-Erzählungen vor. Anwälte hingegen fast immer. Sie geben dem Deal Geschwindigkeit, Qualität, Sicherheit oder aber versenken ihn gekonnt. Zu Recht spielen sie also eine wichtige Rolle in unseren Geschichten und Anekdoten. Dass sie diese mit fast unvermeidlichem Selbstlob und der Honorarnote zusätzlich absichern, geschenkt.
Wer einmal eine Top-Partnerschaft mit einer Rechtsberatung etabliert hat, lässt sie sinnvollerweise nie wieder los. Die rechtliche Betreuung ist eben nicht nur das Abarbeiten von DD-Listen und das zähe Verhandeln von Haftungsklauseln. Somit behandeln die besten M&A-Teams ihre Kanzlei nicht als Stundenverrechnungsposten, sondern als strategische Ressource. Denn Risikoabschätzung, Verhandlungspsychologie, kulturelles Fingerspitzengefühl – das ist kein Beiwerk. Das entscheidet.
Und so haben sie es sich redlich verdient, sowohl als die Helden als auch als die Sündenböcke der M&A-Welt zu gelten. Saul Goodman hätte den Deal durchgebracht. Die Frage ist nur, wer danach noch schlafen kann.
Eure Mai Anh
P.S.: Beste Anwaltsserie überhaupt: Extraordinary Attorney Woo auf Netflix. Voll von grotesker Komik, fast kitschig sympathischen Protagonisten und ganz nebenher ein Einblick in koreanische Gesellschaftsnormen und -strukturen.