09.10.2025 | Prof. Dr. Christoph Schalast, Thomas Hillerich

Unsere Devise: flexibel bleiben, ruhig bleiben – und Chancen erkennen, wenn sie sich bieten

Gespräche und Interviews mit M&A-Leitern und General Counsel

Interview

Thomas Hillerich, Leiter M&A und Corporate Treasury der WIKA Gruppe, spricht im Interview mit Prof. Dr. Christoph Schalast über internationale Markteintritte, strategische Beteiligungen, Venture Capital im Mittelstand – und die Rolle von Künstlicher Intelligenz im Akquisitionsprozess.

Prof. Dr. Schalast: Herr Hillerich, WIKA zählt zu den deutschen Hidden Champions – ein Familienunternehmen mit starkem internationalen Fokus und besonderen technologischen Stärken.

Thomas Hillerich: Ja, WIKA ein klassischer Hidden Champion: ein familiengeführter Mittelständler mit weltweit rund 1,3 Mrd. EUR Umsatz und über 11.000 Mitarbeitenden. Wir sind im Bereich der Messtechnik tätig. Der Name WIKA ist nicht jedem bekannt – unsere Produkte aber sind in nahezu allen Branchen im Einsatz und teilweise auch in privaten Haushalten zu finden, etwa in Heizungsanlagen, wo Temperaturen gemessen werden. Auch Druckmessung gehört zu unseren Kernkompetenzen – in einigen Bereichen sind wir sogar Weltmarktführer.

Prof. Dr. Schalast: WIKA ist im Rhein-Main-Gebiet entstanden, im Umfeld von Aschaffenburg. Welche weiteren wichtigen Standorte hat das Unternehmen weltweit?

Thomas Hillerich: Unser Headquarter befindet sich nach wie vor im Rhein-Main-Gebiet, dort sind rund 2.000 Mitarbeitende beschäftigt, vor allem in Forschung und Entwicklung. Weitere große Fertigungsstandorte sind in Polen, China, der Schweiz, Indien und den USA. Darüber hinaus haben wir Produktionsstätten auf der ganzen Welt. Wir haben – ob bewusst oder unbewusst – schon frühzeitig auf den Trend zur Deglobalisierung reagiert und unsere Fertigung kundennah aufgestellt, um lokal Service und Produktion anbieten zu können.

Prof. Dr. Schalast: Sie haben gerade China und die USA erwähnt. Wie stark ist Ihre Präsenz dort und wie wichtig sind diese Märkte für Sie – auch angesichts der aktuellen politischen Volatilität?

Thomas Hillerich: Das ist bei uns produktabhängig. Einige Produkte fertigen wir direkt in den USA für den US-Markt oder in China für den chinesischen Markt. Unsere Standorte dort sind teilweise aber auch abhängig von Lieferungen aus Polen oder Deutschland – was wir jedoch weitgehend entflechten konnten. Beispielsweise gibt es bei uns kaum direkte Leistungsbeziehungen zwischen der chinesischen und der amerikanischen Tochter. Insgesamt sind wir sehr unabhängig aufgestellt – das gilt auch für andere Regionen wie den Nahen Osten. In Saudi-Arabien haben wir vor zwei Jahren ein neues Werk eröffnet. Natürlich gibt es trotzdem globale Lieferketten, von denen wir uns nicht vollständig lösen können – und auch nicht wollen.

Prof. Dr. Schalast: Wenn Sie in neue Märkte wie China oder Saudi-Arabien eintreten – geschieht das durch eigene Tochtergesellschaften oder eher durch Zukäufe vor Ort?

Thomas Hillerich: Zunächst steht immer die strategische Entscheidung, in einen Markt eintreten zu wollen. Danach prüfen wir die passende Form. In Saudi-Arabien hatten wir bereits eine Vertriebseinheit, die wir dann um Produktionskapazitäten erweitert haben. Ganz aktuell haben wir in Schweden ein Unternehmen akquiriert, um dort den Markteintritt über eine Übernahme zu realisieren.

Prof. Dr. Schalast: Schauen wir jetzt auf einige vergangene Transaktionen, zum Beispiel Ihre Beteiligung an der INDTact GmbH – einem Anbieter für hochsensible Körperschallsensoren.

Thomas Hillerich: INDTact gehört thematisch eher zum Kerngeschäft der WIKA Gruppe. Die Beteiligung war technologisch getrieben.

Die Jahre 2020 und 2021 waren stark von der Pandemie geprägt. Wir standen damals vor der Frage, wie wir Due-Diligence-Prozesse unter den erschwerten Bedingungen gestalten. Ich erinnere mich etwa an eine Due Diligence in den USA, die wir vollständig virtuell durchführen mussten, inklusive der Betriebsbesichtigung – für uns völliges Neuland. Trotz der Einschränkungen haben wir Akquisitionen durchgeführt. Die niedrigen Zinsen und gleichzeitig hohe Bewertungen – gerade im Start-up-Bereich – haben uns dabei veranlasst, verstärkt auf Minderheitsbeteiligungen zu schauen. INDTact ist ein gutes Beispiel: Die dort entwickelten Körperschallsensoren samt Auswerteeinheiten ermöglichen extrem feine Vibrationsanalysen, etwa bei rotierenden Maschinen. So kann frühzeitig erkannt werden, ob beispielsweise eine Wartung erforderlich ist.

Prof. Dr. Schalast: Das klingt stark nach Digitalisierung. Ist das ein Fokus?

Thomas Hillerich: Absolut. Digitalisierung prägt unsere Branche seit Jahren. Auch in den USA sind wir in ein Start-up eingestiegen. Es geht zunehmend weniger um die Sensorik an sich, sondern um die Weiterverarbeitung der erfassten Daten – Übertragung, Analyse, Mehrwertgenerierung.

Prof. Dr. Schalast: Dabei setzt Wika zunehmend auf Minderheitsbeteiligungen – insbesondere in Bezug auf die Bewertung. Aber wie stellen Sie sicher, dass Sie genug Kontrolle behalten?

Thomas Hillerich: Kontrolle kann man unabhängig vom Kapitalanteil vertraglich regeln. Wir sichern uns üblicherweise Zustimmungsrechte, Vetorechte und andere Kontrollinstrumente in Bezug auf wesentliche Entscheidungen. Wichtig ist uns aber auch, dass die operative Freiheit der Gründerteams bestehen bleibt. Genau diesen unternehmerischen Spirit wollen wir erhalten.

Prof. Dr. Schalast: Wenn ich auf Ihre Aktivitäten im Jahr 2023 schaue, fallen zwei Transaktionen besonders auf: Zum einen das Joint Venture mit Wittenstein und die Gründung von Resense, zum anderen die Übernahme der ISOMIL GmbH. Beginnen wir mit dem Joint Venture – was war die strategische Idee dahinter?

Thomas Hillerich: Die Ursprungsidee kam tatsächlich aus dem Entwicklungsbereich bei Wittenstein. Ein kleines Team dort hatte einen äußerst innovativen Kraft-Drehmomentsensor entwickelt – den kleinsten der Welt –, speziell für den Einsatz in der Robotik, insbesondere in der Medizintechnik. Man suchte dann einen strategischen Partner mit Erfahrung in der Messtechnik, der die Produktion solcher Sensoren beherrscht und Skalierungspotenzial mitbringt. So kam der Kontakt zu uns zustande. Aus dieser Kooperation entstand die Idee des Joint Ventures. Für mich ist das eine wunderbare Geschichte zweier Familienunternehmen, die sich ergänzen – sowohl menschlich als auch technologisch. Gemeinsam unterstützen wir seitdem das Start-up Resense und treiben die Innovation voran.

Prof. Dr. Schalast: Mich interessiert als Jurist natürlich auch der regulatorische Aspekt dieser Transaktion. Wie anspruchsvoll empfanden Sie die kartellrechtlichen Hürden beim Aufbau des Joint Ventures?

Thomas Hillerich: Die Anmeldung beim Bundeskartellamt war schnell als notwendig erkannt, aber der gesamte Prozess war gut machbar. Die eigentliche Herausforderung lag in der Definition und Abgrenzung des relevanten Marktes – aber auch das war lösbar. Wir haben zügig die Freigabe erhalten und sind sehr zufrieden mit dem Verfahren, wie es in Deutschland durchgeführt wird.

Prof. Dr. Schalast: Bei der Definition des relevanten Marktes konnten Sie auch auf die Vorlesungen im Rahmen des M&A-Studiengangs an der Frankfurt School zurückblicken, aber kommen wir zur zweiten Transaktion: der Übernahme von ISOMIL. Als ich davon las, dachte ich spontan an Medizintechnik – das erschien mir sehr weit weg von Ihrem Kerngeschäft.

Thomas Hillerich: Da muss ich korrigieren: ISOMIL stellt vor allem Signalleiter für Temperatursensoren her – also exakt für Produkte, die auch in unseren eigenen Temperatursensoren verwendet werden. Und nicht nur in unseren, sondern auch bei vielen anderen Sensorherstellern. Die Verbindung zur Medizintechnik wäre in dem Fall tatsächlich zu weit gegriffen. ISOMIL passt sehr gut zu unserem Temperatur-Produktportfolio.

Prof. Dr. Schalast: Wenn überhaupt, dann hätte die Medizintechnik also eher bei Resense eine Rolle gespielt, richtig?

Thomas Hillerich: Ganz genau. Der dort entwickelte Sensor war ursprünglich für medizinische Roboteranwendungen gedacht – etwa für chirurgische Werkzeuge. Inzwischen haben wir das Anwendungsspektrum deutlich erweitert.

Prof. Dr. Schalast: Sie hatten ihre jetzige Transaktion in Schweden bereits erwähnt – die Übernahme von INOR Process AB im Mai 2025. Was ist Ihnen aus diesem Prozess besonders in Erinnerung geblieben?

Thomas Hillerich: Vor allem die regulatorischen Anforderungen. In Schweden waren ein FDI-Filing und eine entsprechende Freigabe erforderlich. Das war aber gut handhabbar – sowohl was die Bereitstellung der Informationen betrifft als auch den Ablauf der Genehmigung. Besonders positiv ist mir die Zusammenarbeit mit der Krohne Messtechnik GmbH in Erinnerung geblieben, die als Verkäufer auftrat. Zwei mittelständische Unternehmen aus Deutschland, die in einem vertrauensvollen und konstruktiven Prozess eine Lösung fanden – das war für alle Beteiligten ein sehr gutes Erlebnis. Wenn man sich schnell einig ist und Vertrauen herrscht, braucht es oft auch weniger Papier und weniger Diskussionen über zukünftige Streitfragen.

Prof. Dr. Schalast: Es war also mehr als nur eine Übernahme?

Thomas Hillerich: Ganz genau. Im Rahmen dieser Transaktion sind wir mit der Krohne Gruppe auch eine strategische Partnerschaft eingegangen. Die Krohne Gruppe wird zukünftig exklusiv von der WIKA Gruppe Temperaturmesstechnik beziehen. Ich halte das für einen sehr starken Schritt für beide Seiten – ein gutes Beispiel für die Verbindung von M&A und langfristiger strategischer Kooperation.

Prof. Dr. Schalast: Lassen Sie uns auf die aktuelle geopolitische Lage blicken. Handelsbarrieren, neue Zollregime, politische Spannungen – all das betrifft Länder wie China und die USA, in denen Sie stark vertreten sind. Wie beeinflusst das Ihre zukünftige M&A-Strategie?

Thomas Hillerich: Unser strategischer Kompass bleibt die technologische Erweiterung. Doch natürlich hat sich das Umfeld verändert. Speziell die USA – wenn Sie mich Anfang letzten Jahres gefragt hätten, hätte ich gesagt: ein absoluter Zielmarkt für Investitionen. Heute bin ich zurückhaltender. Die politischen Entwicklungen dort machen Entscheidungen schwieriger. Wir müssen nun viel genauer hinschauen, vor allem auf die Struktur von Zielunternehmen: Ideal sind lokale Produktionen für den US-Markt, mit möglichst geringer Abhängigkeit von internationalen Lieferketten. Generell ist unsere Devise: flexibel bleiben, ruhig bleiben – und Chancen erkennen, wenn sie sich bieten. Als Familienunternehmen haben wir den Vorteil, nicht auf kurzfristige Erfolge angewiesen zu sein. Insofern entstehen gerade in unsicheren Zeiten häufig Möglichkeiten, die vorher nicht da waren.

Prof. Dr. Schalast: Als Familienunternehmen – haben Sie in Auktionsprozessen derzeit Vorteile gegenüber großen Konzernen oder Finanzinvestoren?

Thomas Hillerich: In formalen Auktionsprozessen eher nicht. Dort zählen weiterhin einzig die Höhe des Kaufpreises und Vertragskonditionen. Aber wir sehen einen Trend zu bilateralen Gesprächen, auch mit Private-Equity-Häusern. Gerade aber auch inhabergeführte Unternehmen sind eher bereit, direkt mit strategischen Investoren wie uns zu sprechen. Wir sehen eine gestiegene Offenheit für exklusive, schnelle Prozesse ohne Beteiligung externer Berater. Das war vor einigen Jahren noch deutlich seltener.

Prof. Dr. Schalast: Kommen wir zum Thema Künstliche Intelligenz. Spüren Sie bereits konkrete Veränderungen durch den Einsatz von KI im M&A-Prozess?

Thomas Hillerich: Noch nicht in vollem Umfang – aber es tut sich viel. Datenschutz und Vertraulichkeit bleiben herausfordernd: Informationen aus einem Datenraum kann man nicht einfach in ein KI-Modell wie ChatGPT laden. Aber zur Plausibilisierung, zur Prüfung öffentlich zugänglicher Daten oder zur Wettbewerbsanalyse kann KI sehr hilfreich sein.

Prof. Dr. Schalast: Ein weiteres Einsatzfeld ist die sogenannte „Target Search“. Nutzen Sie KI zur Identifikation passender Übernahmeziele?

Thomas Hillerich: Ja, wir haben das einmal testweise ausprobiert. Die KI hat tatsächlich Unternehmen vorgeschlagen, die wir vorher nicht auf dem Schirm hatten. Natürlich muss man die Ergebnisse kritisch prüfen – aber als Ideengeber ist das spannend. Besonders hilfreich ist KI bei der schnellen Analyse von Marktgrößen, Wettbewerbsstrukturen oder regionalen Entwicklungen.

Prof. Dr. Schalast: Blicken wir zum Abschluss etwas voraus: Wo sehen Sie WIKA und Ihre M&A-Strategie in den nächsten zwei bis drei Jahren?

Thomas Hillerich: Unser Fokus bleibt auf der Erweiterung unseres Technologie- und Produktportfolios. Geografisch sind wir bereits sehr breit aufgestellt. Ich kann mir vorstellen, dass strategische Partnerschaften künftig noch wichtiger werden – gerade im Mittelstand. Um im globalen Wettbewerb bestehen zu können, braucht es manchmal größere Einheiten. Ich denke, dass viele Hidden Champions in Deutschland und Zentraleuropa in den kommenden Jahren verstärkt miteinander kooperieren werden – durch Joint Ventures oder andere Partnerschaften. Klassische Übernahmen werden bleiben, aber Partnerschaften gewinnen an Relevanz.

triangle_left Previous
Risk Buyout Funds – Neue Ansätze in der Transaktionsversicherung
Next triangle_right
Vertiefung der Präsenz in CEE: Austrian Insurance M&A 2015–2025