18.06.2024

Mit KI und M&A in die Zukunft

Wenn von Digitalisierung die Rede ist, kann Sascha Lobo nicht weit sein. Der Journalist, Blogger und
Digitalisierungsexperte zeigte in seiner Keynote den Teilnehmern der Shift & Change auf gewohnt
lockere und eindrückliche Art, warum M&A bei Strategien rund um KI-Entwicklungen genau der richtige Weg ist.

Special Topic

Text LEBENSWERK: Magdalena Aderhold

Wenn von Digitalisierung die Rede ist, kann Sascha Lobo nicht weit sein. Der Journalist, Blogger und
Digitalisierungsexperte zeigte in seiner Keynote den Teilnehmern der Shift & Change auf gewohnt
lockere und eindrückliche Art, warum M&A bei Strategien rund um KI-Entwicklungen genau der richtige Weg ist.

Die deutsche Wirtschaft, und hier die M&A-Branche im Speziellen, habe noch gute Chancen, zum Rest der Welt aufzuschließen, wenn es um KI geht, findet Sascha Lobo. Diese optimistische Aussage ließ aufhorchen, ist doch das Land der Dichter und Denker nicht gerade das Land der Digitalisierung. Der Grund sei recht einfach: Während kaum noch Gelder in Start-ups investiert würden, in denen „KI“ nicht irgendwie zum Geschäftsmodell gehört, würde das Thema nach Meinung vieler Experten in der M&A-Branche erst langsam anlaufen. Und das, so Lobo, sei „die Chance, den Wandel, den Digitalisierung und KI mitbringen, in Deutschland mitzumachen“. In seinem von spannenden und oft auch Staunen hervorrufenden Beispielen gespickten Vortrag konzentrierte sich der Journalist nicht auf KI als Arbeitsmittel während einer Akquisition – dass diese die Prozesse grundlegend vereinfachen und verändern würde, sei allen bewusst. Vielmehr ging es Lobo darum zu zeigen, warum die KI bei M&A-Strategien im Mittelstand eine wesentliche Rolle spielen sollte.

Das Zeitalter der Effizienzradikalität

Zunächst zeigte er dem Publikum anhand von Beispielen, wie KI die Welt verändern kann und wird. Dabei stieg er mit einer Geschichte ein, die noch lange vor dem Computerzeitalter bereits die Wichtigkeit von Datenströmen zeigte: An der Universität von Oregon wurde bei der Planung von Wegen übers Gelände bereits in den 1970er Jahren radikal vorgegangen: Über die gesamte Fläche wurde Rasen gesät und in der Folge entstand ein Netz von Trampelpfaden, die schließlich zu befestigten Wegen wurden. „Wenn man die Verhaltensweisen vieler misst, kann man eine Effizienz erreichen, die eine einzelne Person nicht abbilden kann, egal wie genial sie ist“, ist sich Sascha Lobo sicher. Kein Architekt hätte dieses Wegenetz planen können, das ja am Ende perfekt war, weil es genau zum Nutzungsverhalten der Studenten passte. An dem Beispiel sei auch die Kraft der Vernetzung sichtbar, die heute noch einen Turbomechanismus habe: künstliche Intelligenz. Die Art und Weise der Datenverarbeitung verändere sich dramatisch und Effizienzradikalität sollte immer das Ziel von Transformationsbemühungen der Unternehmen sein.

Keine Angst vor KI

„Der deutsche Mittelstand war und ist das pochende Herz der deutschen Wirtschaft. Hat aber ein Luxusproblem“, erklärte Lobo die Zurückhaltung rund um das Thema Digitalisierung und KI in deutschen Unternehmen. Es ging viele Jahrzehnte immer weiter nach oben, und so war der Druck für jeglichen Wandel nicht vorhanden. Jetzt setze langsam die Erkenntnis ein, dass man sich der Transformation beugen muss, doch eine der „menschlichsten Emotionen“ komme dabei auf: Angst. Wie viele Leute werden arbeitslos? Gibt es mein Geschäftsmodell in ein paar Jahren noch. Mit einem außergewöhnlichen Beispiel zeigte der Autor, dass gute Vorbereitung das A und O ist: Google hat fünfzehn Jahre lang an KI geforscht, die besten Köpfe der Welt um sich versammelt und Milliarden Dollar ausgegeben – nur um von OpenAI ausgebootet zu werden, die im Herbst 2022 ChatGPT vorstellten und damit die gesamte digitale Welt revolutionierten. Alles habe gepasst, die Köpfe, das Budget und auch die Einstellung innerhalb des Unternehmens. Und doch kam die große Überraschung. Das Positive an diesem Beispiel: Google sei an dieser Niederlage nicht pleite gegangen und dank der jahrelangen Vorbereitung in der Lage, sofort auf die neue Entwicklung zu reagieren und sein Know-how in andere KI-Anwendungen umzulenken.

Datenströme sind Trumpf

Wie wichtig die Vorbereitung ist, zeigte Lobo an einem weiteren Beispiel: Der Konzern Weight Watchers hilft mit einem ausgeklügelten Punktesystem seit 1963 den Menschen weltweit dabei abzunehmen. Anfangs waren es Karteikarten und Heftchen, in die alle Mahlzeiten eingetragen wurden. Die digitale Transformation schaffte das Unternehmen dann mit der Einführung einer App mit der gleichen Funktion. Doch jetzt arbeitet Google an einer KI-Anwendung, die sich einen gigantischen Datenstrom zu eigen macht: Fotos von Mahlzeiten, die in sozialen Netzwerken von Milliarden von Nutzern geteilt werden. Die KI soll anhand eines Bildes erkennen können, wie viele Kalorien die Mahlzeit auf dem Foto hat, und die Nähr- sowie auch die Schadstoffe benennen. Wird diese Anwendung marktreif, habe Weight Watchers höchstens sechs Monate Zeit, eine Alternative vorzustellen, sonst würde die App zum Eintragen von Kalorien obsolet und ein ganzes Geschäftsmodell kann zu Fall gebracht werden – mit einem bisher nicht beachteten Datenstrom, der grundsätzlich allen zur Verfügung steht.

Die wichtigsten Fragen seien also: Welcher Datenstrom kann mein Geschäftsmodell verändern und wie komme ich daran? Wie schaffe ich es, meine Kunden zu motivieren, ihre Daten preiszugeben? „Irgendwann wird KI für alle zur Pflicht, es ist eine Frage der Zeit, bis diese Entwicklung nahezu alle Branchen berühren wird“, ist sich Lobo sicher.

KI & MA: der perfekte Match

Damit kam Sascha Lobo zur für die Anwesenden wahrscheinlich wichtigsten Konklusion: Mergers & Acqusitions seien das wichtigste Innovationsinstrument im Bereich der Digitalisierung und KI. Mehr sogar: Für sehr viele Unternehmen seien Zukäufe und Zusammenschlüsse sogar die einzige Möglichkeit, in eine Innovationssphäre zu kommen, die ihnen ein Überleben ermöglichen. „Es ist keine Frage, ob M&A von von KI durchbohrt und verändert wird, sondern in welcher Reihenfolge und Intensität“, stellte Lobo eindringlich klar. Mit Zukäufen oder Mergern von Unternehmen, die ein KI-Geschäftsmodell haben, werde es aber für viele möglich, sich hier zukunftsfähig aufzustellen und von dem Kuchen, den es zu verteilen gibt, etwas abzubekommen: 4,4 Milliarden Dollar werden durch KI in den nächsten Jahren zusätzlich erwirtschaftet, so eine Prognose der Unternehmensberater von McKinsey.

Der erste Schritt in die richtige Richtung ist die Erarbeitung einer M&A-KI-Strategie, die umsetzbar und vor allem auch glaubwürdig ist. Hier hob Sascha Lobo das Thema Mitarbeiter besonders hervor: Wer aus den jüngeren Generationen wolle denn noch in einem Unternehmen arbeiten, das keine KI-Strategie hat? Auch hier führte er Ergebnisse einer Studie an, die besagt, dass Menschen, die mit KI arbeiten, zufriedener und produktiver sind und seltener kündigen. An dieser Stelle kam auch ein kleiner Seitenhieb an die Branche der Gastgeber des BM&A Mittelstandstags: In der Liste der Unternehmen, die bereits verstärkt KI-Experten ins Haus holen, fehlte auf breiter Front die Finanzbranche. Und das, obwohl man ja eigentlich genau wisse, dass „KI über kurz oder lang in fast alle Arbeitsprozesse integriert werden wird“.

KI-Erzählungen und Equity Building

Zwei Dinge legte der Digitalisierungsexperte den Anwesenden besonders ans Herz: Equity Building und die Entwicklung einer KI-Erzählung im Rahmen von M&A-Strategien. Die zu akquirierenden Unternehmen müssten be-stimmten, präzisen Kriterien entsprechen: Sie sollten zukunftsfähig sein und einen nach Möglichkeit großen Markthebel besitzen. Das disruptive Potenzial sollte ebenfalls groß sein, hier stellen sich die Fragen nach der Branchenrelevanz, dem Geschäftsmodell und dessen Klarheit sowie den Möglichkeiten und Kosten der Effizienzradikalität, die in Deutschland noch sehr ausbaufähig sei. „Innovationen sind hierzulande noch inkrementell. Als Erfolg wird die Effizienzsteigerung von Dieselmotoren von wenigen Prozent gewertet.“ Das sei zwar effizienter – aber von Effizienzradikalität weit entfernt.

Und um solche KI-M&A-Strategien um-zusetzen, brauche es Kapital. „Equity Building wird noch sehr unterschätzt“, konstatierte der Autor. Dabei erlaube ein höherer Unternehmenswert bessere, zukunftsfähigere Transaktionen, und Maßnahmen zu seiner Steigerung sollten ebenfalls Teil der Strategie
werden.

„Als Hochtechnologieland sind wir gewissermaßen dazu verflucht, bei dieser Entwicklung mitzumachen. Wenn wir wollen, dass Deutschland in zehn oder zwanzig Jahren noch wohlhabend ist, dann müssen wir die KI-Transformation mitmachen.“ Dafür sehe Sascha Lobo allerdings noch gute Chancen, vorausgesetzt, dass die Unternehmen heute schon anfangen, an ihren KI-Strategien zu arbeiten.

Sascha Lobo, Jahrgang 1975, lebt mit seiner Frau Jule und drei Kindern in Berlin und im Internet. Er arbeitet als Autor, Vortragsredner, Podcaster und Digitalunternehmer. Seit 2011 schreibt er eine wöchentliche Kolumne auf spiegel.de. Er veröffentlicht Bücher zum Zeitgeschehen und ist häufiger in Talkshows zu sehen. Mit Jule Lobo moderiert er den Podcast „Feel the News – Was Deutschland bewegt“.

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