11.06.2026 | Dr. Mai Anh Dao

The M.A.D. View: Wer langweilig ist, muss laut sein. Und andere Wahrheiten über Versicherungen.

The M.A.D. View - unsere M&A Kolumne

Kolumne

Früher war nicht nur mehr Lametta, es wurde auch mehr gesungen. Das Allianzlied war im Deutschland der 80er bekannter als Michael Jackson und Heino zusammen. Was ich nur vom Hörensagen weiß, aber manche Traumata vererben sich. Heute kaufen Versicherungen keine Sendezeit mehr, sondern Stadien. Das ist nur konsequent, denn Versicherungen haben ein Grundproblem: Ihr Produkt ist unsichtbar. Du kaufst es, zahlst dafür und hoffst, dass du es nie brauchen wirst. Ein Stadionname erinnert dich wenigstens daran, dass es sie gibt.

Terry Pratchett hat dies in seinem allerersten Scheibenweltroman verarbeitet. Sein Zweiblum, im Hauptberuf Risikoanalyst einer Versicherung, beglückt die arglosen Einwohner von Ankh Morpok mit der innovativen Idee einer Feuerversicherungspolice. Die Stadt brennt, nicht ganz überraschend, komplett nieder.

Warum ist es so einfach über Versicherungen zu spotten? Die Pointe der Versicherung lebt von der Überraschung, die sie eliminiert. Vorhersagbarkeit statt Unwägbarkeit. Kein CFO muss sich wegen hoher stetiger Versicherungsprämien erklären, für schwankende Schadenskosten sehr wohl. Versicherungen sind in diesem Sinne Geschäftsmodell gewordene Langeweile. Und genau deshalb kaufen sie Sendezeit und Stadien. Wer langweilig ist, muss laut sein.

Das ist aber nur die halbe Geschichte.

Hinter dieser Langeweile stecken Menschen, die sich beruflich sehr nüchtern morbide Fragen stellen. Zu Universitätszeiten gab es Nerds, echt schrullige Nerds, Mathematiker und Mathematikerinnen. Und dann gab es noch die Versicherungsmathematik, wo selbst die Mathematiker und Mathematikerinnen kurz inne hielten und dachten: Naja, dagegen sind wir doch ganz normal. Wie viele Knochenbrüche werden in der Tiroler Wintersaison bereits vor dem Après Ski stattfinden? Wann sterben wie viele Menschen im Lebensversicherungspool? Wird das Schiff gekapert oder im Sturm untergehen?

Und genau das ist die eigentliche Leistung. Diese morbide Langeweile hat die Grundlage der modernen Volkswirtschaft gelegt. Denn die Alternative zur Langeweile war jahrhundertelang: Spekulation. Der Überseehandel war die Domäne von Hasardeuren, unterstützt von erheblichem Militär. Versicherungen zivilisierten die Branche und führten die Wirtschaft in die Moderne, nicht durch Romantik, sondern durch Mathematik.

Stromberg hat das Versicherungswesen von innen versucht zu verstehen und ist gescheitert. Das ist keine Kritik an Stromberg. Es ist eine Kritik an uns, die wir eine ganze Branche als Kulisse für eine Bürokomödie abgetan haben, während sie still und methodisch die Grundlage dafür gelegt hat, dass Flugzeuge fliegen, Schiffe fahren und Unternehmen fusionieren können. Ihnen ein ganzes M&A Special zu widmen, ist also mehr als nur verdient. Langweilig war nur die Erwartung.

Eine unüberraschend stabile Zeit wünsche ich euch!

Eure Mai Anh

P.S.: Begonnen hat das moderne Versicherungswesen in Londoner Kaffeehäusern. Lloyd’s of London entstand nicht in einem schicken Handelshaus, sondern über Tassen schlechten Kaffees, zwischen Schifffahrtsrouten und Wettlisten. Als Wahl-Österreicherin darf ich daraus schließen: Wir hätten das auch erfunden. Wir hatten nur zu viel zu tun im Kaffeehaus.

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