18.06.2024 | Jan Pörschmann

Wir müssen handeln

Unsere Welt befindet sich in einem ständigen Wandel. Neue Technologien tauchen auf der Bildfläche auf und verschwinden sofort wieder. Andere bleiben und verändern den Markt nachhaltig. Wie unterscheiden Unternehmen relevante Trends von Hypes und welche Möglichkeiten gibt es, Innovationen zu fördern? Mit diesen Fragen beschäftigte sich das Panel Innovation.

Special Topic

Simon Graff, CEO For Real?! Media, Stephan Heinemann, Partner bei Taylor Wessing, Ben Husemann, Head of Mergers & Acquisitions bei Giesecke+Devrient, Axel Menneking, Vice President Startup Incubation & Venturing der Telekom und Dr. Alex von Frankenberg, Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds diskutierten mit Jan Pörschmann, Managing Partner bei atares, über verschiedene Strategien.

Unsere Welt befindet sich in einem ständigen Wandel. Neue Technologien tauchen auf der Bildfläche auf und verschwinden sofort wieder. Andere bleiben und verändern den Markt nachhaltig. Wie unterscheiden Unternehmen relevante Trends von Hypes und welche Möglichkeiten gibt es, Innovationen zu fördern? Mit diesen Fragen beschäftigte sich das Panel Innovation.

Zum Einstieg in die Runde ordnete Simon Graff die aktuellen Entwicklungsgeschwindigkeiten ein. Graff veranschaulichte die enorme Geschwindigkeit aktueller Fortschritte im technischen Sektor anhand von Nutzerzahlen. Bis die ersten 50 Millionen Menschen Flugzeuge nutzten, habe es 64 Jahre, beim Computer 14 Jahre gedauert. Beim Blick auf digitale Nutzerzahlen jedoch wirkt selbst dieses Tempo langsam. Für die AR-App Pokemon Go registrierten sich innerhalb von nur 19 Tagen 50 Millionen Menschen. Der Gründer kristallisierte vier Faktoren zum Erfolg in diesem Umfeld heraus: Neugierde, Mut, Commitment und Kooperation. Sein Appell an die Zuhörenden: „Man sollte die Dinge, diese Trends und die dahinterliegenden Technologien ‚hands-on‘ erfahren, erkunden, sich damit beschäftigen, Geschäftspotenzial identifizieren und dann Strategien entwickeln.“ Entwicklungen zu ignorieren, so Graff, sei keine Option, denn die Welt drehe sich weiter, und wer die Augen verschließt, werde den Anschluss verlieren.

Ein klar erkennbaren Wandel unterstreicht zudem folgende Zahlen: In den letzten 70 Jahren verschob sich die Verteilung der Erwerbstätigen rapide vom primären und sekundären in den tertiären Sektor. Heutzutage arbeiten 75% der Erwerbstätigen in Deutschland im tertiären Sektor. Gerade dieser erlebt durch emporkommende Innovationen, wie KI, einen starken Wandel. Daher stellt das Panel sich die Fragen: Wie gehen wir mit den 33,7 Millionen Menschen um, die von diesen Änderungen betroffen sind? Und welche Strategien erproben Unternehmen, um Innovationen zu erschließen und voranzutreiben?

Ein Lösungsweg: Kooperation. Dr. Alex von Frankenberg begleitete im Rahmen des High-Tech Gründerfonds (HTGF) bereits viele Start-ups auf der Suche nach passenden Sparringspartnern. Dabei habe er immer wieder beobachtet, dass die ersten Annährungen zwischen etablierten Mittelständlern und neu gegründeten Unternehmen holprig starten. Neben großen Altersunterschieden auf der Führungsebene würde das ebenso an den Differenzen der internen Strukturen liegen. Gingen beide Seiten trotzdem offen aufeinander zu, so würden sie voneinander lernen. Besonders wertvoll für bestehende Geschäfte: Know-how zu aufkommenden Technologien. Für den Gegenpart dienen Kooperationen als ein Weg, an Ressourcen zu gelangen. Als Beispiel führte Prof. von Frankenberg an: „Wir hatten Fälle, in denen ein Start-up mit einem Mittelständler in der Form kooperiert hat, dass das Unternehmen produziert hat. Eine Produktion in hoher Qualität aufzubauen ist schwer und kapitalintensiv.“ Laut ihm besonders wichtig hierbei: Alle Beteiligten tragen einen ähnlichen Wert bei. Eine Kooperation, bei der der eine Partner vom Erfolg oder Ideenreichtum des anderen profitiert, ohne eigene Leistung einzubringen, kann nicht funktionieren.

Dem stimmte Stephan Heinemann voll und ganz zu. Aus seiner Erfahrung als Partner der Rechtsberatung Taylor Wessing heraus nannte er zwei Faktoren, die einen guten Kooperationsvertrag ausmachen. Punkt eins seien die zuvor genannten Leistungsbeiträge. Diese gelte es so präzise wie möglich zu definieren, damit keine Missverständnisse entständen. Als Zweites nannte Stephan Heinemann die Regelung der Rechte. Gerade bei neuen Technologien wie KI handele es sich um komplexe Besitzansprüche, da keine klar definierten Patente existierten. Die eingespeisten Daten spielten eine erheblich größere Rolle als die Software selbst. Hier müssten Herkunft und Besitz ganz klar festgehalten werden. Den restlichen Wortlaut eines solchen Vertrags könnten die Parteien getrost Standardwerken entnehmen.

Einen anderen Weg, innovative Ideen und kreative Köpfe zu unterstützen, gehe die Deutsche Telekom, berichtet Vice President Startup Incubation & Venturing Axel Menneking. Ihr Ansatz laute Beteiligung. Warum ein Großkonzern diesen Schritt mache, erklärt Axel Menneking folgendermaßen: „Wir haben festgestellt, dass sich Telekommunikation verändert und dass einstige geschlossene Pipeline-Modelle plötzlich zu vernetzten Plattformen oder Ökosystemmodellen geworden sind.“ Daraus ergaben sich drei Fragen: Woher bekommen Unternehmen Zugang zu diesen Plattformen, wie halten sie mit der Geschwindigkeit des Marktes mit und woher nehmen sie die Kapazitäten, um mit zehntausenden Entwicklern, Gründern und Entrepreneuren mitzuhalten? Die Antwort: Investments in unterschiedlichste Phasen. Durch Venture Capital lote der Telekommunikationsexperte aus, welche Technologietrends und Geschäftsmodelle aktuell den Markt bestimmen. Über Minderheitsbeteiligung würden sie in Modelle investieren, die passend zum eigenen Geschäft sind. Unternehmungen, die finanzielle Erfolge verbuchen, erhalten spätphasige Investments.

In der Frühphase agiere die Telekom als Co-Investor und richte sich nach den Bewertungen der Lead-Investoren sowie beispielsweise des HTGF. Lead-Investoren, so Dr. von Frankenberg, würden den Markt beobachten, wenn es um die Bewertung eines innovativen Konzepts geht. Im SaaS-Bereich achte das Team besonders auf Multiples, amerikanische Firmen wiederum zahlten je nachdem, wie viele Entwickler für die begutachtete Firma arbeiten. Häufig hänge der Preis vom Verhandlungsgeschick der Gründer ab. Aus rechtlicher Sicht erklärte Stephan Heinemann: „Nach meiner Erfahrung gehen der Beteiligung immer eine operative Prüfung sowie ein operativer Gedanke und Kontext voraus.“ Am wichtigsten sei die Erfassung der eigenen strategischen Interessen. Diese könnten am besten in einem darüber gelagerten Kooperationsvertrag festgehalten werden.

Das Familienunternehmen Giesecke und Devrient bevorzuge den Weg der Mehrheitsbeteiligung. Head of M&A Ben Husemann erklärt, wie das traditionsreiche Unternehmen in den letzten fünf Jahren Strategien entwickelt hat, um passende Unternehmungen schnell zu integrieren. Dafür sei der Konzern von seiner bisherigen Vorgehensweise abgewichen, von Anfang an eine hundertprozentige Mehrheit anzustreben. Ben Husemann beschreibt den neuen Ansatz: „Ein Minority Stake mit Call-in-Option für die Mehrheit ist weiterhin das Minimum für uns.“ Eine weitere Abzweigung vom tradierten Pfad sei die Zuwendung zu digitalen Lösungen anstelle der bisher Hardware-lastigen Zukäufe. Deals würden im besten Fall in eines der drei Hauptziele passen: Digital Identity, IoT und E-Payments. Um eine Kompatibilität zu klären, bespreche das Team detailliert vorab, was gesucht wird und wie eine Integration in das bisherige Geschäft aussehen könnte. Daraufhin würden die Leitenden proaktiv auf die Partner zugehen. Somit würden sie zum einen halbgare Angebote vermeiden und könnten zum anderen viel schneller reagieren, wenn das Interesse von der anderen Seite gespiegelt wird. Dr. von Frankenberg unterstrich die Wichtigkeit einer kurzen Reaktionszeit im Closing mit Start-ups und Unternehmen. Innerhalb von vier Wochen, so sagte er, sollte ein Deal zustande kommen, denn ansonsten würde eine andere Firma zuschlagen.

In einem ist die Gruppe sich einig: Unternehmen haben nur Bestand, wenn sie zusammenarbeiten. Erfolg hängt vor allem von Kommunikationsbereitschaft ab, dem Mut, gemeinsam neue Wege zu erproben, und genügend Neugierde, Technologien auszuprobieren – so entstehen zukunftsfähige Kooperationen.

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